«Wir Ärzte sind nicht prinzipiell gegen das Patientendossier»

Der Hausarzt Beat Gafner erklärt, weshalb es beim Elektronischen Patientendossier (EPD) Verzögerungen gab, was die technische Komplexität ausmacht und warum die Ärzte immer noch zurückhaltend sind.

, 18. März 2020, 21:00
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Herr Gafner, Sie müssen ein grosser Fan sein vom Elektronischen Patientendossier.

Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie sich mit 66 noch eine Weiterbildung in «eHealth» antun.

Ja, ich mache an der Berner Fachhochschule das CAS «eHealth». Das geht nur ein halbes Jahr.

Als Delegierter der Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften (KKA) sitzen Sie im Beirat eHealth Suisse. Wollten Sie das nicht einem jüngeren Kollegen überlassen?

Ich engagiere mich seit 1991 in der Ärztegesellschaft des Kantons Bern. Von 2010 bis 2018 war ich deren Präsident. Ich musste mich sozusagen berufshalber mit «eHealth» und dem EPD befassen. Es schien mir immer eine  Pflicht, die Anliegen der Ärzteschaft frühzeitig in die Diskussion um den Aufbau einzubringen. 

In anderen Ländern ist das EPD top down eingeführt worden. Hätte man das auch hierzulande gemacht, wäre es schon längst etabliert. Einverstanden?

Zuerst wollte man tatsächlich das EPD auf eidgenössischer Ebene einführen – also top down. Die Idee wurde ziemlich schnell verworfen, auch wegen der Kantone. So hat man den schweizerisch üblichen, erfolgsversprechenderen, föderalen Weg eingeschlagen. Die Startphase ist nun in den Herbst 2020 verschoben.

Waren es vor allem die Widerstände oder technische Gründe, die zur Verzögerung führten?

Die angeblichen Widerstände sind nur vorgeschoben. Der Grund der Verzögerung ist die technische Komplexität. Sie wurde am Anfang total unterschätzt.

Informatiker streben nach möglichst ausgeklügelten Lösungen, was nicht immer kundengerecht ist. Muss es auch wirklich so komplex sein?

Ich glaube Ja. Die Schweiz neigt zur Perfektion – in allen Bereichen. Es wird lange daran herumgebaut, bis ein möglichst hoher Standard erreicht ist.

Den Ärzten wird nachgesagt, sie seien punkto EPD renitent.

Nicht renitent. Das ist der falsche Ausdruck. Sagen wir: zurückhaltend. Es ist noch vieles unklar.

An was denken Sie?

Bei uns Schweizern kommt halt zuerst das Portemonnaie. Doch die Tarifierung ist weder im Tarmed noch im Tardoc genügend geregelt. Zum Beispiel bleibt unklar, wie der Zusatzaufwand für den Upload redigierter Daten in das EPD und zur Datenpflege, der völlig unterschätzt wird, abgerechnet werden kann.

Auch vom Datenschutz ist wiederholt die Rede.

Ja, das ist ein weiterer Grund der Zurückhaltung in der Ärzteschaft. Angesichts des Datenhungers in Wirtschaft, Verwaltung, bei Versicherern und nicht zuletzt in der Forschung ist der Datenschutz nach unserer Ansicht zu wenig stringent ausgebaut. Big-Data ist ein nimmermüder und immerhungriger Zeitgenosse.

Stand heute wird das EPD nur für Spitäler, Pflegeheime und andere stationäre Einrichtungen obligatorisch sein, nicht aber für Arztpraxen und andere Ambulatorien.

Viele meiner Kollegen haben Bedenken, wenn das EPD auch für sie obligatorisch werden sollte. Wir praktizierende Ärzte sind freiberuflich unterwegs. Das gilt insbesondere für meine Generation; bei den Jüngeren mag das anders sein. Wenn ich etwas machen muss, mit Betonung auf muss, sträuben sich bei mir die Nackenhaare.
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    Beat Gafner

    Geschichte und Archäologie sind seine Passion; Hausarzt ist sein Beruf. Beat Gafner, vor 66 Jahren geboren, hat eine Hausarztpraxis in Niederscherli im Kanton Bern, in der die Krankengeschichte der Patienten noch von Hand nachgetragen wird. Er wird in seiner Praxis altershalber weder «eHealth» noch das elektronische Patientendossier einführen - und doch befasst sich Beat Gafner intensiv damit. Der Vater von zwei erwachsenen Töchtern engagiert sich seit 1991 für die Ärztegesellschaft des Kantons Bern. 2010 übernahm er von Jürg Schlup das Präsidium; 2018 übergab er es seiner Nachfolgerin Esther Hilfiker.

Früher oder später wird das EPD auch für Arztpraxen obligatorisch sein. Sonst macht doch die Übung keinen Sinn?

Zumindest in der Anfangsphase sollte das EPD freiwillig sein. Das ist übrigens auch die Meinung des Bundesrats. Schon der Begriff «obligatorisch» ist abschreckend. Doch bis heute ist nicht klar aufgezeigt worden, was das EPD für uns als praktizierende Ärzte für einen praktischen Nutzen bringt. 80 bis 90 Prozent meiner Tätigkeit findet keinen Niederschlag im EPD.

Genau das wirft man den Ärzten vor: Sie schauen nur für sich. Der Nutzen für Patienten interessiere sie nicht.

Nein, das stimmt so nicht. Es geht ja nicht nur um den Nutzen; es geht auch um den Zusatzaufwand: Die Dokumente in diesem EPD muss jemand redigieren. Wer soll das tun wenn nicht der Arzt? Er muss entscheiden, welche Informationen sinnvollerweise aufgeladen werden. Das ist mit Aufwand verbunden, der nach meiner Beurteilung völlig unterschätzt wird. Diese Arbeiten werden nicht entschädigt.

Wo liegt aus Ihrer Sicht der Vorteil für Patienten?

Der Gesetzgeber erhofft sich mit dem EPD eine totale Transparenz für die Patienten.

Korrigieren Sie mich: Der Patient kann heute schon die Akten einsehen.

Ja, aber das EPD ermöglicht eine tiefere Einsichtnahme. Man kann von zu Hause aus sämtliche hochgeladene Dokumente anschauen und ist immer auf dem neusten Stand.

Ist das alles?

Schauen Sie: Die Digitalisierung ist eine Tatsache. In den einzelnen Arztpraxen ist sie in vollem Gang. Rund 50 Prozent der Arztpraxen im Kanton Bern haben ein elektronisches Praxisinformationssystem, haben die Krankenakten elektronisch erfasst.

Also: Alles halb so schlimm?

Das elektronische Praxisinformationssystem ist noch kein EPD. Das schwierige ist, all die Daten zu vernetzen und die Standards festzulegen. Es gibt viele Systeme auf dem Markt, die immer noch nicht kompatibel sind. Alle müssen die gleichen Standards verwenden. Die technischen Probleme wären zu lösen. Schwieriger ist es, die menschlichen Widerstände zu überwinden.

In Genf scheint es aber zu funktionieren.

In Genf, wo das EPD 2013 eingeführt wurde, macht nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung mit. Dort hat es pro Patientendossier 140 bis 150 Dokumente. Das ist eine Riesenmenge. Jede Gesundheitsfachperson, ob Hebamme oder Dentalhygieniker HF, kann relevante Daten hochladen, die ich als Mitglied einer Stammgemeinschaft dann zu lesen und zu erfassen habe. Wann soll ich das bei 500 Dokumenten tun? Zwischen Spätausgabe Tagesschau bis Sendeschluss?

Sprechen Sie den PDF-Friedhof an, von dem etwa die Rede ist?

Wenn eine Patientenakte 150 Dokumente umfasst, so sind mit Sicherheit nicht alle davon für alle behandlungsrelevant. Sowohl für jenen, der das Dokument hochlädt, noch für jenen, der es zur Kenntnis nehmen muss.

Habe ich Sie richtig verstanden: 150 Dokumente im Durchschnitt? Es wird wohl Patienten geben, bei denen nur eine Handvoll Dokumente bestehen.

Ja. Die 150 ist eine Durchschnittszahl. Bei gewissen Patienten wurden bis zu 2000 Dokumente gezählt.

Finden Sie als Stimmbürger und Steuerzahler dieses Landes den Aufwand gerechtfertigt, der für dieses EPD betrieben wird?

Kurzfristig sicher nicht. Mittelfristig bringt die ganze Digitalisierung im Gesundheitswesen, das EPD mit B2B-Zusatzdiensten sicher etwas. Man muss zuerst lernen, damit zu arbeiten. Das war in allen anderen Ländern auch der Fall. Estland ist punkto Digitalisierung das fortschrittlichste Land Europas. Es beweist, dass es funktioniert. Aber uns fehlt noch die strukturierte Form des Denkens und Handelns, eine strukturiertere Form, wie ich etwas aufschreibe und festhalte.

Haben Sie ein Beispiel?

Was soll der Arzt aufschreiben, wenn sich ein Patient über Husten und Durchfall beklagt? Ich kann zum Beispiel aufschreiben: Er hat einen viralen Infekt. Oder ich kann aufschreiben: Er hat eine Bronchitis. Ein anderer schreibt vielleicht Bronchialkatarrh. Das ist eben nicht strukturiert. Erst wenn wir zum Beispiel strukturiert dokumentieren wird sich ein Nutzen einstellen.

Die Frage ist auch, wieweit Bürgerinnen und Bürger Interesse daran haben.

Die Politiker sind überzeugt, dass das Interesse sehr gross ist. Aus dem Kanton Genf wissen wir aber, dass das Interesse sehr zurückhaltend ist. Wir rechnen nicht mit einer grossen Beteiligung seitens der Patienten.

Und seitens der Ärzte?

Wenn das EPD in ein paar Jahren einen Nutzen bringen soll, muss das Gros der praktizierenden Ärzte mitmachen. Also um die 75 Prozent. Das ist natürlich auch eine Generationenfrage.

Sie sind optimistisch. Für Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, scheint klar zu sein, dass nur die wenigsten Ärzte mitmachen werden, wie er dem Boten der Urschweiz sagte.

Ich teile diese pessimistische Haltung mittelfristig nicht. Sind Fragen der Finanzierung in der Arztpraxis, der Tarifierung, der Datenpflege, der digitalen direkten Kommunikation und des Datenschutzes einmal partnerschaftlich auf gleicher Augenhöhe lösungsorientiert aufgegleist, kann eHealth zum Flug abheben.

Beat Gafner und der griechische Tempel

«Als ich mich vor etwa drei Jahren wieder einmal mit dem EPD eHealth beschäftigte, hatte ich einen schönen, griechischen Tempel vor Augen: Er hat ein grosses bruchstückhaftes, instabiles Fundament, schöne unvollständige Säulen, den aber einen prächtigen Giebel und das mit schön gedecktem Dach», erinnert sich Beat Gafner. 
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Auszug der Skizze von Beat Gafner.
Und weiter: «Ich hatte den Eindruck, man baute zuerst den Giebel und das Dach, ehe das Fundament und die äulen als tragende Elemente fertigerstellt waren. 
Das hat mich gestört. Dann habe ich meine Gedanken zu Papier gebracht und dem Bundesamt für Gesundheit geschickt und dabei einen halbfertigen Tempel gezeichnet. Darauf erhielt ich eine Anfrage, ob ich nicht in der Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften (KKA)  mitmachen möchte.»
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