Wenn sich die Patienten in ihren Google-Diagnosen verrennen

Sind digital informierte Patienten bessere Patienten? Darüber debattierten ein Hausarzt, ein Psychologe und ein ETH-Datenexperte in Zürich.

, 3. September 2015, 14:00
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Dass mit der Digitalisierung die Karten im Gesundheitswesen neu gemischt werden – dies war der Kern der Konferenz «Health 2.015» des «Tages-Anzeigers». Eine der Debatten im Zürcher Kunsthaus konzentrierte sich dabei auf das veränderte Verhältnis zwischen Patienten und den medizinischen Anbietern: Wie können Laien all die Medizin-Informationen beurteilen, die ihnen heute zur Verfügung stehen? Wo wird der digital informierte Patient auch zum Problem?
Am Panel beteiligt waren der Hausarzt Gerhard Schilling (Institut für Praxisinformatik), der Datenexperte Ernst Hafen (ETH Zürich) und der Psychologe und Patientenforscher Jörn Basel (Kalaidos Fachhochschulen).
Können sich die Patienten denn heute wirklich besser informieren? – so die zweifelnde Frage, die Moderatorin Ruth Ellenberger (Tamedia eHealth) eingangs stellte.  

«Dann beginnt die Diskussion»

Diese Zweifel nahm Jörn Basel gleich auf: «Die Quellen machen es den Patienten nicht leicht», antwortete er. Nicht nur, dass der moderne Mensch mit einer Menge an Informationen konfrontiert ist – obendrein bieten viele Gesundheits-Info-Sites auch selektive Informationen an, ohne ihre versteckte Parteinahme sichtbar zu deklarieren. Und parallel dazu finden sich noch Laienweisheiten, manchmal schlicht auch veraltetes Wissen.
Eine Folge? Patienten laufen mit einer fixfertigen – und eben oft falschen – Diagnose in die Arztpraxis. Hausarzt Gerhard Schilling berichtete ohne Ironie, dass er mittlerweile ständig mit diesem Phänomen konfrontiert wird: «Dann beginnt die Diskussion.» Er benötige oft mehr Zeit, um den Patienten eine falsche Diagnose auszureden, als um die richtige Krankheit zu diagnostizieren.

«Da wird es fast pathologisch»

Dennoch: Die Arbeit des Arztes sei durch die digitalen Informationsmöglichkeiten nicht direkt aufwändiger geworden. Wichtiger sei einfach die Aufgabe, die Patienten auch durch den Informationsdschungel zu führen. «Wenn ich einem Patienten mitgeben kann, dass und wo er sich informiert, dann ist das positiv», sagte Gerhard Schilling. Die Gefahr bestehe aber, dass sich die Patienten «verrennen».
«Verrennen»: Daran musste man auch bei Schillings Erwähnung der Wearables denken. Solche Geräte würden von einer gewissen Gruppe benutzt – und diese Leute verkabelten sich dann ständig. «Da wird es dann fast pathologisch.»
Eine ärztliche Realität sei jedoch, dass die Patienten oft viele Diagnosen haben. Was alle digital-binären Lösungen verkompliziert.

«Wir wissen, was wir haben»

Ein besonderes Problem bietet dabei die selektive Suche: Daran erinnerte Jörn Basel; der Psychologe hatte in seinen Forschungen unter anderem beobachtet, wie sich Web-Informationen auf die Risikowahrnehmung von Eltern auswirkt, deren Kinder vor chirurgischen Eingriffen stehen. Gewiss, man sucht sich die Informationen über eine Erkrankung via Google zusammen, so seine Einsicht – aber man tut dies selektiv. Man tut es in der stillen Absicht, eine bereits bestehende Ansicht zu bestätigen. «Wir wissen, was wir haben, und suchen die Bestätigung», fasste Psychologe Basel die Methode zusammen.
Verrennen – dieses Wort griff in der weiteren Diskussion ETH-Professor Hafen auf. Solch ein Verrennen sei irgendwie nur verständlich: Der Patient sei tausende Stunden mit seiner Krankheit alleine, und der Arzt beschäftigt sich dann gerade eine Stunde lang damit. In dieser Lage drehe sich ein Patient logischerweise in die erhältlichen Informationen hinein; auf der anderen Seite gebe es aber gerade dafür auch Coaches und Ärzte, um wieder herauszuhelfen.
Ernst Hafen betonte freilich, dass man den Patienten dennoch vertrauen könne: «Man darf die Fähigkeit der Leute, ihre Gesundheitsinformationen zu beurteilen, nicht unterschätzen». Der ausgebildete Biologe erinnerte dabei an eine Studie, in der Menschen mit erhöhten Alzheimer-Risiko teils über ihre Lage informiert wurden – und teils im Dunkeln blieben. Die Unterschiede in Reaktion und Lebensstil blieben gering. Die Risikogruppe trieb etwas mehr Sport – und sie schloss häufiger eine Langzeitpflege-Versicherung ab. Das war es dann auch. 
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