Wenn der Bildschirm die Aufmerksamkeit absorbiert

Wie wirkt sich der Computer auf die persönliche Kommunikation zwischen Arzt und Patient aus? US-Wissenschaftler haben das untersucht. Das Ergebnis: nachteilig.

, 2. Dezember 2015, 11:00
image
  • spital
  • studie
  • ärzte
Eine wachsende Zahl von Ärzten verzichtet während einem Patientengespräch in der Praxis oder einer Visite im Spital auf handschriftliche Notizen und trägt Informationen über Krankheitsverlauf oder Medikation stattdessen direkt in ein Computersystem ein. 
Ein Forscherteam der University of California San Francisco hat nun untersucht, ob und wie sich die Technik auf die Kommunikation und das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auswirkt. Die Studie wurde kürzlich im JAMA Internal Medicine veröffentlicht. 

Computer absorbiert Aufmerksamkeit

Die Forscher werteten Konsultationen zwischen 47 Patienten und 39 Medizinern an einem öffentlichen Spital in den Jahren von 2011 bis 2013 aus. 
Ärzte, die während des Gesprächs einen Computer benützten, erhielten von ihren Patienten in der Kommunikation und Betreuung weniger gute Noten als solche, die darauf verzichten. Sie gelten als weniger zugewandt und aufmerksam. 

Videoaufnahmen der Gespräche

Die Patienten wurden telefonisch vor und nach der Konsultation interviewt, ausserdem wurden die Gespräche gefilmt. Anhand der Videoaufnahmen wurde gemessen, wie häufig die Computer benützt wurden. 
Von den Konsultationen mit hoher Computerbenützung wurde nur die Hälfte mit sehr gut bewertet, von den Konsultationen mit geringem Computereinsatz waren es hingegen über 80 Prozent. 

Ärzte wirken belehrend

Ärzte, die den Computer häufiger benützten, hatten weniger Augenkontakt mit ihren Patienten und wirkten auf diese belehrend, auch widersprachen sie den Patienten häufiger. Patienten hatten den Eindruck, die Beschäftigung mit dem Bildschirm hindere die Mediziner am Zuhören. 

Augenkontakt herstellen

«Technik in der Praxis und in der Klinik ist per se weder gut noch schlecht», sagt Richard Frankel von der Indiana University School of Medicine gegenüber der Agentur «Reuters». Der Medizinprofessor verfasste einen Bericht zur Studie. 
Er rät Medizinern, bewusst Methoden anzuwenden, die den Wohlfühlfakor der Patienten erhöhen. So sollten sie darauf achten, öfters vom Bildschirm aufzuschauen und den Patienten während des Gesprächs häufig in die Augen zu schauen.

Benutzerfreundlichere Geräte

Das ist leichter gesagt als getan. Studienautorin Neda Ratanawongsa von der University of California hält es jedenfalls für nötig, dass die Computer benutzerfreundlicher werden - damit sich die Mediziner nicht nur um deren Bedienung, sondern auch wieder um ihre Patienten kümmern können. 
(Bild: NEC Corporation of America CC / Flickr CC)
«Association Between Clinician Computer Use and Communication With Patients in Safety-Net-Clinics», Neda Ratanawongsa, MD; Jennifer L. Barton, MD; Courtney R. Lyles, PhD; Michael Wu, BS; Edward H. Yelin, PhD; Diana Martinez, MD; Dean Schillinger, MD, JAMA Internal Medicine, 30. November 2015
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Die Universitätsklinik Balgrist hat es geschafft

Die Universitätsklinik Balgrist wurde mit EMRAM 6 - die zweithöchste Stufe bezüglich Digitalisierungsgrad – ausgezeichnet.

image

Spital korrigiert falsche Aussagen zu Chefarzt-Kündigung

Ist der Chefarzt Gregor Lindner nun krank oder nicht? Die Pressestelle des Bürgerspitals Solothurn zieht plötzlich Aussagen zu dessen Kündigung zurück.

image

Sauter: «Wir müssen grossräumiger denken»

Spitäler in den Randregionen brauchen eine neue Funktion. Das meint die neue Hplus-Präsidentin Regine Sauter.

image

Notfallmediziner erwarten Kollaps und schlagen schweizweit Alarm

Covid, Grippe und RSV: Die Notfallstationen sehen sich in diesem Winter mit Bedingungen konfrontiert, die sie an den Rand des Kollapses bringen könnten.

image

Direktor Peter Hösly übergibt den Stab an Simone Weiss

Am Sanatorium Kilchberg kommt es zu einem Führungswechsel: Nach 16 Jahren gibt Peter Hösly seinen Chefposten an der Privatklinik für Psychiatrie ab.

image

Spitaldirektorin will in den Nationalrat

Franziska Föllmi-Heusi vom Spital Schwyz ist als Kandidatin für die Nationalratswahlen nominiert.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.