Was Ärzte und Anwälte beim Tod verbindet

Mediziner erhalten kurz vor ihrem Tod weniger intensive Pflege und medizinische Betreuung als die restliche Bevölkerung. Neue Daten aus den USA lassen also ahnen: Bei sich selber setzen die Profis auf Zurückhaltung.

, 20. Januar 2016, 13:00
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Patienten oder Angehörige beruhigt es zu wissen, dass Ärzte auch dieselbe Behandlung erhalten. Doch das stimmt nicht ganz, wie Forscher in den USA nun herausgefunden haben.
Ein Team um den Chirurgen Joel Weissman vom Brigham and Women’s Hospital in Boston verglichen die Daten von knapp 2’400 Ärzten und über 660’000 Laien: Was war anders, wenn der Tod nahte?

Ärzte sterben weniger im Spital

In beiden Testgruppen waren die Teilnehmer mindestens 66 Jahre alt und zwischen 2004 und 2005 verstorben. 
Dabei durchforsteten die Wissenschaftler die letzten sechs Monaten des Lebens: Chirurgie, Hospizaufenthalt, Intensivstationen oder ob die Person in einem Krankenhaus gestorben ist.
Ihr Resultat: Ärzte erhalten kurz vor ihrem Lebensende weniger offensive Pflege («aggressive care») als die Allgemeinbevölkerung. Weitere Erkenntnisse der jetzt im «Jama» publizierten Studie waren: 

  • Im Spital starben 28 Prozent der Ärzte. Bei der sonstigen Bevölkerung lag dieser Wert bei 32 Prozent.


  • Chirurgische Eingriffe erhielten 25 Prozent der Ärzte. Bei den Nicht-Ärzten waren es 27 Prozent.


  • Auf der Intensivstation lagen in den letzten sechs Monaten vor dem Tod 26 Prozent der Ärzte und 28 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Insgesamt zeigte sich zudem, dass Ärzte vor ihrem Tod weniger kostspielige Therapien und Dienstleistungen in Anspruch nahmen. Die Ergebnisse könnten aber auch auf Zufall beruhen, relativieren die Studienautoren. 
Joel S. Weissman et al., «End-of-Life Care Intensity for Physicians, Lawyers, and the General Population», in: «Jama» / «Journal of the American Medical Association», Januar 2016.
«Ärzte verstehen, dass moderne Medizin helfen und schaden kann, vor allem am Ende des Lebens», so Weissmann: «Sie verstehen die Grenzen der Medizin.»

Was der Beruf mit dem Tod zu tun hat

Die Forscher nahmen übrigens auch eine Vergleichsgruppe: Sie verglichen die Daten von Ärzten und Anwälten. Die Überlegung: Beide Berufsgruppen verfügen etwa über das gleiche Ausbildungsniveau und über den gleichen sozio-ökonomischen Status.
Zwar sterben Juristen häufiger im Spital als Ärzte. Doch auch hier zeigt sich das gleiche Bild: Juristen erhalten am Ende ihres Lebens eine weniger intensive Betreuung und Versorgung.
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass auch Anwälte mit ihren Kunden über das Sterben sprechen, sagte die Palliativ-Medizinerin VJ Periyakoil von der Stanford School of Medicine gegenüber der Nachrichtenagentur «Reuters». «Wir haben gesehen, was schief gehen kann, wenn die Leute nicht vorbereitet oder nicht sicher sind, was sie für sich genau wollen». Ähnlich sei es wohl bei den Anwälten.

«Mit dem Arzt über das Sterben sprechen»

Ein «guter Tod» steht laut Studienautor Weissman im Einklang mit den Zielen und Wünschen einer Person. «Ich denke die grosse Botschaft der Studie ist: Suchen Sie ein Gespräch mit dem Arzt, egal wie alt Sie sind».
Ähnlich sieht dies Medizinerin Periyakoil. «Ein Gespräch mit Ihrem Arzt ist sehr wichtig. Aber es ist ebenso wichtig, dass Sie die Initiative für das Gespräch starten». 
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