Warum das Helsana-Produkt Primeo nicht eingeschlagen hat

Vor dreieinhalb Jahren lancierte Helsana ein neuartiges Produkt. Es heisst Primeo und ist so etwas wie die ambulante Variante der Spitalversicherungen halbprivat oder privat. Primeo hat nicht eingeschlagen. Warum eigentlich?

, 18. März 2017, 12:41
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Seit mehr und mehr Spitäler fast nur noch Zweier- und Einerzimmer führen, liegt der einzige Vorteil von Spitalzusatzversicherungen privat oder halbprivat nur noch in der freien Arztwahl. Diese Versicherungsdeckung gilt aber lediglich für den stationären Aufenthalt.
Was ist demnach mit all den medizinischen Eingriffen, die dank dem technologischen Fortschritt ambulant durchgeführt werden können? Helsana hat eine Antwort darauf: Primeo. Das im Herbst 2013 lancierte Produkt garantiert die freie Arztwahl auch im ambulanten Bereich. Es wurde als Innovation gepriesen. Doch der Erfolg hält sich in Grenzen.

Anreiz für Ärzte

«Wir wollen für Ärzte einen Anreiz schaffen, Patienten ambulant zu behandeln», sagt Wolfram Strüwe, Chef der Abteilung Gesundheitspolitik bei der Helsana Versicherungen AG. 35‘000 Versicherte haben sich bisher für Primeo entschieden. 
Gemessen an den über einer Million Zusatzversicherten ist das nicht wirklich viel. Doch Wolfram Strüwe zeigt sich damit zufrieden. «Primeo ist ein neuartiges Produkt». Es brauche eine gewisse Zeit, bis es sich etablieren kann. «Mittelfristig wird sich Primeo durchsetzen», ist Strüwe überzeugt.
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    «Viele Ärzte sind immer noch in der stationären Welt behaftet»

    | Wolfram Strüwe |

Auch Spitäler und Ärzte scheinen für das neuartige Produkt noch nicht bereit zu sein. «Viele Ärzte sind immer noch in der stationären Welt behaftet», beobachtet Stüwe. Eine Einschätzung, die unter Experten als unumstritten gilt.

Die Prämie kostet zwischen 17 und 74 Franken

Zudem sind in Spitälern die Prozesse so eingespielt, dass das Handling von Primeo-Kunden nicht immer einfach ist. Primeo-Kunden haben unter anderem Anspruch auf ein Einzelzimmer zur Erholung nach der Operation – samt TV, Radio, Internetzugang. Auch ein kostenloser Parkplatz und die kostenlose Taxifahrt nach Hause sind im Leistungspaket enthalten. Dafür zahlt man zwischen 17 und 74 Franken; je nach Alter. Hat man zusätzlich noch eine Spitalkostenzusatzversicherung, so gibts Rabatt.
«Spitalversicherungen sind ein schrumpfender Markt. So versuchen Krankenkassen mit Innovationen zu retten, was zu retten ist», erklärt Peter Fischer. Er ist Direktor der Klinik Hohmad in Thun und war bis Mitte 2012 Direktor der Krankenkasse Visana. Er kennt somit beide Seiten aus eigener Erfahrung. «Alles, was von eingespielten Prozessen abweicht, ist mit zusätzlichem Aufwand verbunden», erklärt Fischer.

Wo ist die Konkurrenz?

Geholfen hätte wohl, wenn die Konkurrenz nachgezogen hätte. Davon ist jedoch nichts zu sehen. «Der Markt bestimmt die Regel», sagt Mario Righini von der CSS. Und er sieht derzeit weder seitens der Versicherten noch seitens der Spitäler und Ärzten einen Bedarf nach einem vergleichbaren Produkt.
Righini bezweifelt, dass Zusatzhonorare für Ärzte im ambulanten Bereich der richtige Weg sei. Er erinnert daran, dass mit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) die früher gängigen Zusatzhonorare bewusst abgeschafft wurden. Mit Produkten, bei welchen Ärzte für ambulante Eingriffe ein Zusatzhonorar generierten, werde der Tarmed ausgehebelt.

«Kein wirklicher Mehrwert»

Ähnlich die Antwort von Groupe Mutuel: «Was ein solches Produkt angeht, sind wir zum Schluss gekommen, dass ein wirklicher Mehrwert für den Patienten nicht gegeben sei. Die freie Arztwahl im Ambulatorium und die Tarife werden vom KVG und dem Tarmed garantiert».
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    «Der medizinische Mehrwert ist mir bei Primeo zu wenig klar»

    | Felix Schneuwly |

Reymond Bührig von Atupri gibt zudem zu bedenken, dass Zusatzversicherungsprodukte einen ewigen Lebenszyklus haben. Ist es von der Finanzmarktaufsicht genehmigt worden, kann man es später nicht einfach aus dem Sortiment nehmen, falls es sich nicht bewährt.

«Freie Arztwahl gibts schon heute»

Felix Schneuwly sieht durchaus eine Zukunft für solche Produkte. Nur müssten sie anders daher kommen: «Der medizinische Mehrwert ist mir bei Primeo zu wenig klar», sagt der Krankenkassen-Experte von Comparis. «Ich habe in der Grundversicherung schon heute eine freie Arztwahl, sofern ich mich nicht für ein Sparmodell entschieden habe».
Schliesslich muss man sich fragen, ob Halbprivat- und Privatversicherte nicht einen Anspruch haben, von ihrer Spitalkostenzusatzversicherung zu profitieren, falls die Operation dank des technologischen Fortschritts ambulant durchgeführt werden kann. Davon will Wolfram Strüwe partout nichts wissen. «Die Spitalkostenzusatzversicherungen sind ganz klar für stationäre Behandlungen. Für ambulante Eingriffe gibt’s eben Primeo». 
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