Überzeiten: Mauscheleien im Planungstool

Die überlasteten Assistenzärzte beschäftigen Arbeitsinspektorate, Spitäler und Gewerkschaften. Ein Fernsehfilm zeigt dabei fatale Nebeneffekte des Konflikts zwischen Anforderungen und Arbeitsgesetz auf.

, 4. September 2015 um 10:21
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Der Assistenz- und Oberärzte-Verband VSAO macht bekanntlich Druck: Am Mittwoch reichte er beim Staatssekretariat Seco in Bern fast 25'000 Unterschriften ein, die eine Umsetzung des Arbeitsgesetzes im Spitalbereich forderten. Das heisst: weniger lange Arbeitsblöcke, kürzere Arbeitstage, kürzere Wochenarbeitszeiten.
Das Thema wurde danach auch in einem längeren Beitrag im SRF-Magazin «Rundschau» aufgenommen. Der Film schilderte Fälle aus dem Universitätsspital Basel, dem Spital Muri, dem Kinderspital Zürich und der Frauenklinik des Kantonsspitals Aarau. 
Zu Wort kommt etwa ein Assistenzarzt, der in drei Wochen nur einen Tag freihatte (USB), und man sieht Dienstpläne in Muri, wo Arbeitsblöcke von 12 oder 17 Tagen ohne einzigen Freitag eingeplant wurden. Der Spitaldirektor erklärt dazu, dass die Planung sehr stark Sache der einzelnen Kliniken sei.

«Assistenzärzte am Limit»: Zum «Rundschau»-Beitrag vom 2. September 2015

Eine Arbeitsinspektorin berichtet, dass sie «selten Fälle von Spitälern» findet, «wo man nicht fündig wird.» 
Der – aus Sicht der Spitäler sehr kritische – Beitrag zeigt insgesamt auf, dass der Clinch zwischen realen Arbeitszeiten und den gesetzlichen Vorgaben allerlei Nebeneffekte hat. Zum Beispiel wurden in Muri Nachtdienste einfach als Pikettdienste geplant und notiert; und in Basel wurden angehäufte Überstunden weder ausbezahlt, noch konnten sie kompensiert werden – sie wurden am Ende einfach gestrichen.
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Weitergeführt wurde der Fernsehbeitrag von der «Aargauer Zeitung»: In einem Artikel zum Thema stellt Philipp Rahm vom VSAO fest, dass die Situation in Muri kein Einzelfall sei: «Die Problematik ist an jedem Aargauer Spital eine ähnliche.» Die Kliniken stünden unter Spardruck und würden daher ihre personellen Ressourcen so eng wie möglich eingrenzen.

Unbekannte griffen zur Selbsthilfe

In Muri suchen Gewerkschaft und Spital jetzt gemeinsam Lösungen. Beide betonen, dass sie Polemik vermeiden wollen. Doch inzwischen schritten einige Ärzte, die sich unfair behandelt fühlen, selbst zur Tat. Wie die «Aargauer Zeitung» erfuhr, änderten sie im Planungstool ihre Pikett- in gesetzeskonforme Nachtdienste. Die Spitalleitung habe interveniert und die Änderungen diese Woche rückgängig gemacht.
CEO Marco Beng erklärte gegenüber der Zeitung, dass man einen «versierten und von allen Seiten anerkannten Oberarzt» beauftragt habe, intern Lösungen zu suchen und anschliessend mit der Gewerkschaft zusammenzusitzen. Der Oberarzt habe am Abend des «Rundschau»-Beitrags ein klärendes Mail verschickt, wie im Moment weiter geplant werde, bis die mit allen abgestimmte Lösung gefunden ist. 
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