Studie: Telefonische Erst-Konsultationen sparen weder Zeit noch Geld

Sollen Patienten dem Arzt anrufen, bevor sie ihn aufsuchen? Laut einer britischen Untersuchung bringt das nur mehr Aufwand.

, 3. Oktober 2017, 14:01
image
  • telemedizin
  • praxis
  • ärzte
Die Einführung von Erst-Konsultationen am Telefon hat englischen Hausärzten (General Practitioners) zwar viele unnötige Patientengespräche in der Praxis erspart. Der Aufwand für die Telefonate war allerdings so gross, dass am Ende weder Zeit noch Geld gespart werden konnte. 
Dies haben Wissenschaftler des Cambridge Centre for Health Service Research in einer Beobachtungsstudie festgestellt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal «BMJ» veröffentlicht.
Der Ansatz Telephone first sieht vor, dass Anrufe von Patienten in ein Call Center umgeleitet werden, wo zuerst die Patientendaten aufgenommen werden und dann ein telefonischer Kontakt zum Arzt hergestellt wird. Arzt und Patient entscheiden dann am Telefon, ob eine Konsultation in der Praxis nötig ist. 
Der National Health Service (NHS) propagiert die Idee des telefonischen Vorgesprächs und hält sich an die Werbebotschaften der Anbieter, die versprechen, die Notfalleinlieferungen um 20 Prozent und die Praxiskosten um 100'000 Pfund pro Jahr zu senken. 
Jennifer Newbould, Gary Abel, Sarah Ball, Jennie Corbett, Marc Elliott, Josephine Exley, Adam Martin, Catherine Saunders, Edward Wilson, Eleanor Winpenny, Miaoqing Yang, Martin Roland: «Evaluation of telephone first approach to demand management in English general practice: observational study» - in «BMJ», 27. September 2017
Laut der Studie sind die persönlichen Kontakte zurückgegangen: Die Ärzte sahen im Durchschnitt nur noch 9 anstatt 13 Patienten pro Tag im Sprechzimmer. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der Telefongespräche von 3 auf 12 pro Tag. Unter dem Strich ist der Zeitaufwand für Patientengepräche um 8 Prozent gestiegen. 
Die Wissenschaftler stellten allerdings grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Praxen fest. Während sich der Arbeitsaufwand bei den einen Ärzten deutlich verringerte, ist er bei anderen deutlich gestiegen.
Die Behauptung, die telefonischen Erst-Konsultationen führten zu einer Abnahme der Notfalleinlieferungen, hat sich nicht bestätigt. Es kam sogar zu einer leichten Zunahme der Spitalaufenthalte. Auch konnten die Kosten der Arztpraxen nicht gesenkt werden. 
  • Zur Medienmitteilung der University of Cambridge
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Rega will trotzdem ins Wallis

War es ein abgekartetes Spiel? Die Rega ortet jedenfalls «grobe Mängel» beim Entscheid, dass sie im Wallis nicht retten darf.

image

So entscheiden Hausärzte einfacher über Antibiotika

Jedes zweite Antibiotika-Rezept wäre unnötig. Die Behörden versuchen deshalb, übereifrige Hausärzte mit Merkblättern zu bremsen.

image

Kinderarzt kritisiert: Zu viel Alarm nur wegen Schnupfen

Immer mehr Eltern überfüllen Notfälle und Praxen – nur weil ihr Kind Schnupfen hat. Ein Kinderarzt fordert mehr Geduld.

image

Deutsche Hausärzte haben zu viel Cannabis verordnet

In Deutschland wollen die Krankenkassen den boomenden Cannabis-Verschreibungen einen Riegel schieben. Hausärzte sollen gebremst werden.

image

Komplementärmediziner blitzen mit Beschwerde gegen «NZZ» ab

Homöopathen müssen sich gefallen lassen, dass sie als mitverantwortlich für die Impfskepsis gelten. Die «NZZ» durfte das schreiben.

image

Was Ärztinnen und Ärzte in der Praxis wirklich frustriert

Der grösste Frustfaktor in der Arztpraxis ist Bürokratie. Aber nicht nur, wie eine grosse Umfrage mit 23'000 Ärztinnen und Ärzten aus dem Nachbarland jetzt zeigt.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.