Schweizer misstrauen den Gesundheits-Politikern – aber teils auch den Ärzten

Was tun gegen die Gesundheitskosten? In der Bevölkerung fänden Eingriffe bei den Medikamentenpreisen und Kontrollen bei den Ärzten leicht Anhänger. Dies zeigt eine neue Comparis-Umfrage.

, 22. September 2017, 06:23
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Einerseits sind die Schweizerinnen und Schweizer sehr realistisch: Für nächstes Jahr erwarten sie mehrheitlich eine Prämienerhöhung – 47 Prozent rechnen gar mit einem Schub von 4 bis 6 Prozent. Spürbar wird auch, dass es dabei langsam eng wird: 28 Prozent der Menschen finden, dass ihr finanzieller Spielraum für die Krankenversicherung langsam aufgebraucht ist.
Dies besagt eine repräsentative Umfrage, welche der Vergleichsdienst Comparis heute veröffentlicht hat.
Der Realismus zeigt sich auch darin, dass zwei Drittel (62 Prozent) den Politikern nicht zutrauen, das Gesundheitssystem zu reformieren und den Kostenanstieg zu bremsen. Die Bevölkerung der Romandie hält dabei etwas mehr von den Politikern – im Westen glauben «nur» 52 Prozent, dass die Politiker ausser Stande sind, die Lage zu bessern. Die welsche Tendenz zu mehr Staat im Gesundheitswesen hat hier also durchaus eine gewisse Basis.

Bagatellfälleproblem

Aber eben: Was können die Politiker tun? Auch die Befragten erkennen mehrheitlich, dass die Verantwortung für den Kostenanstieg im Gesundheitswesen weit gestreut ist. Als häufig genannte Schuldige erscheinen:

  • Patienten, die bei jeder Kleinigkeit Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen: 60 Prozent sehen hier ein Problem;
  • die Pharmaindustrie: 58 Prozent;
  • die Krankenkassen: 42 Prozent;
  • Ärzte und Spitäler: 37 Prozent;
  • Menschen, die nicht auf ihre Gesundheit achten: 24 Prozent.

Das immer dichtere Versorgungsnetz, welches selbst bei Bagatellfällen zu Arztbesuchen verleitet (und im Urteil von Politikern und Profis bekanntlich ein sehr wichtiger Faktor ist) sehen dagegen nur 17 Prozent als bedeutenden Kostentreiber.

Pro Parallelimporte

Felix Schneuwly, der Comparis-Krankenkassenexperte, folgert daraus: Versicherte sollten mit tieferen Prämien belohnt werden, wenn sie nicht gleich wegen jeder Bagatelle den Spitalnotfall oder den Spezialarzt bemühen. Und: «Das Bundesamt für Gesundheit muss den Versicherern mehr Spielraum geben, die Rabatte auf alternativen Versicherungsmodellen wie Telmed, Hausarzt und HMO zu erhöhen».
Was soll man sonst tun? Punkt eins: Medikamentenpreise. 64 Prozent der Befragten plädieren dafür, Parallelimporte von Arzneimitteln zuzulassen, um so von den günstigeren Preisen im Ausland zu profitieren.
Punkt zwei: Striktere Kontrolle der Abrechnungen der Ärzte. 54 Prozent würden sich hinter diese Lösung stellen. Hier zeigt sich doch ein erhebliches Misstrauen gegenüber der Ärzteschaft.
Punkt drei: Mehr Gesundheitstourismus. 27 Prozent möchten Behandlungen und Kuraufenthalte im Ausland ermöglichen.
Eher wenig Sympathie geniessen Forderungen nach höheren Mindestfranchisen (17 Prozent), einer Einschränkung des Leistungskataloges (13 Prozent) oder der Einführung eines höheren Selbstbehaltes (12 Prozent).

Der Generika-Widerspruch

Es zeigt sich also: Die Bevölkerung unterscheidet sich auch nicht gross von den Politikern und den Profis im Gesundheitssystem; die Analyse einerseits und die gewünschten Konsequenzen andererseits klaffen auch hier recht auseinander. Und beides könnte von einem gewissen Eigeninteresse gesteuert sein.
Beliebt ist folglich auch der «Generika-Hebel»: 80 Prozent aller Schweizer wären bereit, auf Originalpräparate zu verzichten und stattdessen günstigere Generika-Medikamente zu verwenden – wenn sie denn in Form von Prämienrabatten dafür belohnt würden.
Dazu stellt auch Felix Schneuwly fest, dass die Bevölkerung einerseits in Umfragen clever antwortet, aber Krankheitsfall zu leichtgläubig ist. «Schon heute haben Patienten die Möglichkeit, bei der Wahl zwischen Generika und Originalpräparat mitzureden. Im Alltag wird aber zu wenig hinterfragt, was der Arzt verschreibt und der Apotheker abgibt.»

Aber das Image bleibt gut

Weiter zeigt sich jeder Zweite offen für Telmed-Lösungen, die noch vor dem Gang zum Arzt oder in die Apotheke eine telefonische Konsultation vorschreiben.
Trotz allem: Das Image ist und bleibt gut. In der Gesamtbeurteilung äussern sich zwei Drittel mit dem Gesundheitswesen zufrieden (14 Prozent «sehr», 53 Prozent «eher»).
Der Krankenkassen-Verwaltungskosten-Mythos
Dass die Krankenkassen ein gewisses Imageproblem haben, wurde ja wieder in den Debatten um die Wahl von Curafutura-Präsident Ignazio Cassis spürbar. Die Comparis-Umfrage verweist auf einen tieferen Grund: Viele Menschen schätzen die Verwaltungskosten der Krankenkassen zu hoch ein.
Konkret: 68 Prozent sind davon überzeugt, dass mehr als 11 Prozent ihrer Prämienzahlungen ins Marketing, in die Werbung und in die Verwaltung der Krankenkassen fliessen. Ein Fünftel meint sogar, es seien mehr als 20 Prozent. Tatsächlich lag der Verwaltungskostenanteil 2016 durchschnittlich bei 5,5 Prozent.

  • Die repräsentative Umfrage wurde von Innofact AG im Auftrag von Comparis im September 2017 bei 1’030 in der Schweiz wohnhaften Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren in allen Landesteilen durchgeführt. 

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