Schweigepflicht von Ärzten soll teilweise aufgehoben werden

Wenn Pilotinnen oder Piloten psychisch erkranken, sollen Ärzte und anderes Medizinpersonal dies künftig dem Bund melden können.

, 8. Juni 2020 um 07:36
image
  • ärzte
  • schweigepflicht
  • arztgeheimnis
Ärzte, Psychologen oder deren Hilfspersonen sollen dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) künftig melden können, wenn sie eine psychische Erkrankung bei einem Piloten feststellen oder vermuten. Dafür sollen sie von ihrer ärztlichen Schweigepflicht befreit werden. Dies sieht eine Anpassung des Luftfahrtgesetzes vor. Die neuen Bestimmungen sollen auch für Fluglotsen oder Flight-Attendant gelten. Und auch bei Alkohol- oder Drogensucht.
Die Schweizer Ärzteverbindung FMH beurteilt die Gesetzesrevision kritisch. Es sei zwar sinnvoll, dass ein Arzt eine psychische Erkrankung eines Piloten melden könne, sagt FMH-Präsident Jürg Schlup der NZZ. «Aber weshalb das Melderecht auch bei Besatzungsmitgliedern und Fluglotsen gelten soll, ist mir nicht klar», zitiert ihn die Zeitung.
image
Änderung Luftfahrtgesetz. | Screenshot

Ärzte lehnen Meldepflicht ab

Für Schlup wäre eine vertiefte betriebsärztliche Untersuchung sinnvoller als eine Befreiung von der ärztlichen Schweigepflicht, sagt er weiter. «Bei der regelmässigen fliegerärztlichen Untersuchung muss auch die psychische Gesundheit vertieft untersucht werden. Das ist zentral.» Piloten und Flight-Attendants müssen bereits jetzt ihre Gesundheit in regelmässigen Abständen von einem Fliegerarzt prüfen lassen. Berufspiloten ein- bis zweimal pro Jahr, Flight-Attendants alle fünf Jahre.
Wie im Strassenverkehr sieht der Bundesrat mit der Änderung des Luftfahrtgesetzes keine Meldepflicht vor. Im Strassenverkehr gibt es bereits eine Bestimmung, die es Ärztinnen und Ärzten erlaubt, den Strassenverkehrsämtern Personen zu melden, die nicht fahrtauglich sind. Die FMH lehnt eine Meldepflicht ab – sowohl im Strassenverkehr als auch bei der Luftfahrt. Das Berufsgeheimnis sei essenziell für das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt, sagt Jürg Schlup der NZZ weiter.

Germanwings-Pilot beging Suizid

Mit der Gesetzesrevision zieht der Bund Konsequenzen aus dem Absturz der Germanwings-Maschine vor fünf Jahren. Im März 2015 steuerte ein Co-Pilot ein Flugzeug absichtlich in ein französisches Bergmassiv und riss dabei 149 Personen mit in den Tod. Es zeigte sich, dass der Mann schwer depressiv war. Sein behandelnder Arzt wusste davon und riet ihm, sich in eine psychiatrische Klinik zu begeben, war aber an die Schweigepflicht gebunden. Der tragische Absturz gab auf europäischer Ebene Anlass, die Vorschriften und Empfehlungen für die psychologische und physische Beurteilung von Flugbesatzungsmitgliedern genauer zu durchleuchten.


Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Die Liste: Operationen, die für schwangere Chirurginnen unbedenklich sind

In Deutschland hat die Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie eine «Positivliste« veröffentlicht.

image

Urteil: Wer den Doktor fälscht, kann auch nicht seriös als Ärztin arbeiten

Beim «Dr. med.» meint es das Zürcher Verwaltungsgericht ernst: Es untersagt einer Ärztin wegen Falschangaben die eigenverantwortliche Berufsausübung.

image

Neue Chefärztin für die Psychiatrie St. Gallen

Regula Meinherz ist nun die medizinische Leiterin der Psychiatrie St.Gallen in Pfäfers.

image

Auf diesem Kindernotfall werden auch die Eltern betreut

Am Universitäts-Kinderspital beider Basel sorgt ein neuer Dienst dafür, dass bei den Eltern kein Stress oder Frust aufkommt.

image

Gebühren für Bewilligungen: Der Preisüberwacher greift ein

Bei den Lizenzen für Medizinal- und Gesundheitsberufe herrscht Intransparenz. Sogar der Verdacht auf Abzockerei drängt sich auf.

image

«Der Regulierungswahn zerstört die Qualität der jungen Chirurgengeneration»

Es hat sich viel Frust aufgestaut bei den Chirurgie-Assistenten. Ein junger Arzt gibt Einblick in seinen Alltag.

Vom gleichen Autor

image

Arzthaftung: Bundesgericht weist Millionenklage einer Patientin ab

Bei einer Patientin traten nach einer Darmspiegelung unerwartet schwere Komplikationen auf. Das Bundesgericht stellt nun klar: Die Ärztin aus dem Kanton Aargau kann sich auf die «hypothetische Einwilligung» der Patientin berufen.

image

Studie zeigt geringen Einfluss von Wettbewerb auf chirurgische Ergebnisse

Neue Studie aus den USA wirft Fragen auf: Wettbewerb allein garantiert keine besseren Operationsergebnisse.

image

Warum im Medizinstudium viel Empathie verloren geht

Während der Ausbildung nimmt das Einfühlungsvermögen von angehenden Ärztinnen und Ärzten tendenziell ab: Das besagt eine neue Studie.