Hausarzt wehrt sich gegen Klima-Behauptungen

Ein Zeitungsartikel suggeriert, dass wir uns zwischen Gesundheit und Klimaschutz entscheiden müssten. Ein Arzt aus dem Emmental widerspricht.

, 5. Juni 2024 um 07:01
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Der Artikel in den Tamedia-Zeitung suggeriert einen Zielkonflikt - der Hausarzt Hansueli Albonico stellt klar: In der Schweiz sind wir von diesem Zielkonflikt weit entfernt. | Tamedia, zvg
«Gesund essen oder die Umwelt schützen – was ist wichtiger?»: Diese Frage warfen die Tamedia-Zeitungen in einem ganzseitigen Artikel auf und schrieben: Schweizer Fachleute seien sich uneins, was bei der Ernährung Priorität haben soll – dass Menschen möglichst alt werden oder dass sie eine lebenswerte Zukunft haben.

Ist weniger Fleisch tatsächlich ungesund?

Es stelle sich nämlich die Frage: Sollte zum Schutz der Umwelt ein geringerer Fleischkonsum empfohlen werden, als es für eine optimal gesunde Ernährung sinnvoll wäre?
Auch die Fleischwirtschaft beschwört immer wieder einen solchen Zielkonflikt herauf: In ihrer Werbung schreibt sie, dass Fleisch das beste und gesündeste Eiweiss liefere und legt nahe, dass Menschen nur mit Fleisch genügend Protein aufnehmen könnten.

«Weit entfernt von Zielkonflikt»

Der Langnauer Hausarzt Hansueli Albonico wehrt sich gegen solche Behauptungen. «In der Schweiz sind wir von diesem Zielkonflikt weit entfernt», sagt er. «Wir essen noch immer dreimal mehr Fleisch als empfohlen. Dies zum Schaden der Gesundheit und des Klimas.»
Er zitiert auch eine Studie des «American Journal of Clinical Nutrition», wonach die genügende Eiweissversorgung besonders im Alter wichtig sei – und zu diesem Zweck die pflanzliche Kost gesünder sei als Fleisch.

Neu: Die Klimasprechstunde

An den wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es für Hansueli Albonico nichts zu rütteln: «Ein gesunder Lebensstil hilft gleichzeitig dem Klima», sagt er. Deshalb bietet der ehemalige Hausarzt neu auch eine Klima-Sprechstunde an.
Letzten Herbst übergab der damals 75-Jährige seine Hausarztpraxis in Langnau an zwei Nachfolgerinnen.

Tarmed lässt keine Zeit für längere Besprechungen

Sie und auch viele andere Hausärztinnen und Hausärzte beraten ihre Patienten häufig dazu, wie sie gesünder leben können. Doch für längere Besprechungen fehlt die Zeit.
«Der immer noch geltende Tarmed-Tarif lässt generell wenig Spielraum für präventive Beratungen», bedauert Hansueli Albonico.

Deshalb kostenlos

Er bietet seine Klimasprechstunde deshalb kostenlos an: Jeden ersten Freitag im Monat berät er «Patienten», welche Fragen zu ihrer Gesundheit haben – etwa zu Ernährung und Bewegung.
Umgekehrt gibt der pensionierte Arzt auch Ratschläge, wie man mit Folgen des Klimawandels umgehen kann, zum Beispiel mit Hitzewellen oder klimabedingten Infektionskrankheiten.

Ärzten glaubt man

Ihm ist es wichtig, keine unbelegten Theorien und Vermutungen zu vermitteln, sondern Fakten. So sagt Hansueli Albonico: «Studien haben gezeigt, dass mit einem gesunden Lebensstil der persönliche Treibhausgas-Ausstoss bis um 30 Prozent gesenkt werden kann.» Albonico will sich zunutze machen, dass Ärzte und Ärztinnen immer noch als wichtige Informationsträger wahrgenommen werden.
Aber nützten solche Beratungen dem Klima? Hansueli Albonico ist überzeugt davon: In der Schweiz kämen strikte gesetzliche Klimaschutz-Massnahmen nicht gut an. «Deshalb ist es wichtig, die persönliche Motivation zu fördern.
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