Musisch interessierte Ärzte verstehen ihre Patienten besser

Medizinstudierende und Ärzte sollten sich vermehrt mit Kunst, Musik und Literatur beschäftigen. Laut einer Studie sind sie empathischer und weniger anfällig für Burnout.

, 6. Februar 2018, 07:45
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Der Kinderarzt Beat Richner machte es vor: Er verband seine medizinische Kompetenz mit seinen musikalischen Fähigkeiten und trug durch sein Cellospiel zum Bild eines ganzheitlich gebildeten Arztes bei. 
Die positive Wechselwirkung zwischen Medizin und Kunst können Forscher der Thomas Jefferson University und der Tulane School of Medicine nun wissenschaftlich belegen: Angehende Ärzte begegnen ihren Patienten mit mehr Empathie und emotionaler Intelligenz, wenn sie sich für Kunst, Musik und Literatur interessieren. Auch bieten die musischen Interessen einen wirkungsvollen Schutz gegen Burn-out. 
Die Studie wurde im Fachjournal «Journal of General Internal Medicine» veröffentlicht. Dabei hängt es nicht davon ab, ob sich die Mediziner aktiv oder passiv mit Kunst beschäftigen: Es ist also egal, ob sie ein Instrument spielen oder einfach Musik hören, ein Bild malen oder eines betrachten - der Effekt ist immer gleich. 
Salvatore Mangione, Chayan Chakraborti, Giuseppe Staltari, Rebecca Harrison, Allan Tunkel, Kevin Liou, Elizabeth Cerceo, Megan Voeller, Wendy Bedwell, Keaton Fletcher, Marc Kahn: «Medical Students' Exposure to the Humanities Correlate with Positive Personal Qualities and Reduced Burnout: A Multi-Institutional US Survey» - in: «Journal of General Internal Medicine», 30. Januar 2018
«Künstlerische Disziplinen haben in der medizinischen Ausbildung einen geringen Stellenwert, aber unsere Arbeit zeigt, dass sie stark zur Persönlichkeitsbildung der künftigen Ärzte beitragen», wird Autor Marc Kahn in einer Mitteilung zitiert. Es sei die erste Studie, die diesen Zusammenhang nachweise. 
Wer ein Instrument spielt, Ausstellungen und Theateraufführungen besucht und sich für Literatur interessiert, war offener gegenüber Neuem und empfänglicher gegenüber den Gefühlen seiner Mitmenschen und seiner eigenen Gefühle. Umgekehrt berichteten weniger kunstinteressierte Studenten häufiger von emotionaler Erschöpfung und physischem und psychischem Burnout. 

«Rechte und linke Hirnhälfte zusammenführen»

Die Erhebung wurde online durchgeführt; 739 angehende Ärzte aus fünf amerikanischen Medical Schools nahmen daran teil. Gemessen wurde das Interesse an Musik, Literatur, Theater und darstellender Kunst und die Auswirkungen auf positive psychologische Eigenschaften wie Empathie, Klugheit und emotionale Intelligenz sowie negative Eigenschaften wie physische und geistige Erschöpfung und kognitive Müdigkeit. 
«Kunst und Medizin driften seit 100 Jahren immer weiter auseinander», stellt Erstautor Salvatore Mangione von der Jefferson University fest. «Unsere Erkenntnisse sprechen dafür, die linke und die rechte Hirnhälfte vermehrt zusammenzuführen - zum Wohl der Patienten und der Ärzte.»

Kunst im Studium fördern

Die medizinischen Fakultäten sollten Studierende ermutigen, sich anstatt nur mit Biologie und Chemie auch mit Literatur, Kunst und Musik auseinanderzusetzen und künstlerische Kurse und Workshops in die Studiengänge einzubauen. Dies fördere all die Fähigkeiten, die im Umgang mit Patienten gefragt seien, wie Beobachtungsgabe, kritisches Denken, Selbstreflexion und Empathie. 
Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, in dem in den USA mehr und mehr Medical Schools musische Fächer auf obligatorischer oder freiwilliger Basis anbieten. Die Jefferson University und die Tulane University nehmen da eine Vorreiterrolle ein.

Kunst und Medizin am KSBL

«Verstehen - Nicht Verstehen»: Unter diesem Titel zeigt das Kantonsspital Baselland am Standort Bruderholz eine Kunstausstellung und möchte das Fachpublikum zum Nachdenken über Sinnfragen anregen. Diese stellen sich im besonderen Mass im medizinischen Alltag und in der Begegnung mit Patienten. In einer interdisziplinären Fortbildung geben Referenten unterschiedlicher Fachrichtungen Denkanstösse. Die Veranstaltung findet am 9. Februar 2018 statt und richtet sich an Ärzte und medizinisch Fachpersonen. 
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