Gedanken zu 'Selbstbestimmt im Alter'

In Zeiten von Covid und Lockdown gibt dieser Begriff zu denken: Wir machen alles, um die älteren Menschen, die besonders gefährdet sind, zu schützen. Ist das auch so? Wollen die Betroffenen das auch?

, 17. März 2021, 11:26
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  • politik
Den Entscheidungsträger fehlen Daten über Ansteckungen, R-Faktor, Verläufe etcetera. Fehlt ihnen, fehlt uns nicht vielmehr auch der klare Blick dafür, was effektiv passiert?
Über die Hälfte der mit Covid-19 verstorbenen Menschen lebten zuvor in Alters- oder Pflegeheimen. Davon nahmen wiederum die Hälfte keine intensiv-medizinischen Leistungen mehr in Anspruch. Die Menschen in Altersheimen lebten bis zu 3 Monate in totaler Isolation - alleine, in ihrem jeweiligen Zimmer.
Sie mussten hinter der verschlossenen Zimmertür aufgrund der Geräusche feststellen, dass die Hälfte ihrer bisherigen Kolleginnen und Kollegen das Heim tot verlassen musste - selbstbestimmt Leben im Alter!
Dafür bezahlen sie dann noch kräftig. Einige - die es sich leisten konnten - sind wieder ausgezogen. Es gibt Menschen, die mit über 90 Jahren in ein Hotel flüchteten. Aktuell wollen viele die früher (rechtzeitige Reservation!) festgelegte Reise ins Altersheim nicht antreten. Was passiert da genau?
«Falls wir unsere Selbstbestimmung nicht in die eigenen Hände nehmen, legt die die Politik sie für uns fest.»
Wir beschwören eine Solidarität zum Schutz der besonders gefährdeten Menschen. Weshalb haben diese Menschen in der Diskussion gar keine Stimme?
Es hilft nichts, die Vergangenheit und die vermeintlichen Fehlentscheide zu beschwören. Die Politik hat längst das Zepter übernommen, und als Betrachter hat man den Eindruck, Covid sei zum Wahlkampfthema mutiert: Endlich haben die Parteien, die Politikerinnen und Politiker etwas, um sich emotional gegeneinander abzugrenzen! Und morgen diskutieren wir in alt bewährter Art, wer weshalb welchen Anteil an den stetig steigenden Pflegekosten übernehmen soll. Alles in der Fortschreibung der bestehenden Strukturen.

Am liebsten zur Demo

Ich bin Teil der nächsten Generation der nächsten «Alten», der 55- bis 75-jährigen. Wenn ich mir vor Augen führe, was passiert, und geistig meine jugendlichen Revoluzzer-Gene (re)aktiviere, dann möchte ich am liebsten zu einer Demo für eine bessere Zukunft der «Alten» aufrufen. Alleine mir fehlt, wenn ich ehrlich bin, die Jugendlichkeit; und ich bin mittlerweile auch Teil eines gewissen selbstgefälligen Establishments geworden: «Es kommt schon gut, irgend jemand in der reichen Schweiz wird da schon schauen.»
Aber wie man sieht, ist das nicht der Fall. Wir müssen selbst aktiv sein. Wir müssen artikulieren, was wir unter «selbstbestimmt Leben im Alter» verstehen, was unsere Bedürfnisse sind. Und: Wir müssen – je für uns selbst – überlegen, wie wir das gestalten wollen. Wir können das auch nicht einfach der nächsten Generation übergeben. 
Die Zeiten, in denen die Kinder dann halt schauen müssen, sind vorbei. Wir erleben dies an der eigenen Überforderung unseren Eltern und Angehörigen gegenüber. Falls wir unsere Selbstbestimmung nicht in die eigenen Hände nehmen, dann legt die Gesellschaft, die Politik sie für uns fest. Die mündet dann «in nicht mehr tragbaren Kosten», «Zementierung der bestehenden Strukturen» und im «Wissen der Politik, was für uns neuen Alten das Richtige ist».
Unsere Selbstbestimmung wird in politischen Prozessen ausgehandelt. Das kann es nicht sein - oder?
Otto Bitterli, 59, langjähriger CEO und Verwaltungsratspräsident der Sanitas Krankenversicherung (2005 - 2019), ist selbständiger Berater und Experte im Gesundheitswesen. Er beschäftigt sich mit Themen der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz und ist unter anderem Verwaltungsratspräsident des Startups Helvetic Care AG.
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