Machen Fitness-Tracker wirklich fitter?

Kaum. Überprüft man die medizinische Wirkung, so sind die Resultate verheerend. Der Nutzen solcher Geräte sollte wissenschaftlich erforscht werden – bevor sie auf den Markt kommen. Von David A. Ellis und Lukasz Piwek.

, 23. Februar 2016, 12:00
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Fast 20 Millionen Fitness-Tracker wurden letztes Jahr verkauft. Diese digitalen Geräte messen von der Herzfrequenz bis zur Schrittzahl so ziemlich alles, und sie werden mit dem Versprechen verkauft, dass sie dem Besitzer helfen, Gewicht zu verlieren und fitter und glücklicher zu werden.
Doch unglücklicherweise ist es hier wie bei vielen Produkten zur Verbesserung der sportlichen Performance: Es gibt kaum Forschungsergebnisse, welche den Nutzen unterstreichen. 
Wir selber veröffentlichten kürzlich eine Studie, die nicht belegen konnte, dass es jemanden gesünder macht, wenn er einen Fitness-Tracker besitzt. Die Hinweise für deren Wirkung basiert oft auf einzelnen Berichten von einzelnen Menschen, die ihre Erfahrung damit beschreiben. So beobachtete zwar unlängst eine Studie, dass Schrittzähler tatsächlich das Aktivitätsniveau steigerten; doch die dabei beobachteten Erwachsenen wurden auch regelmässig betreut und diskutierten in Beratungsgesprächen ihre Fortschritte.
Ähnliche Fälle, bei denen Schrittmesser alleine eingesetzt wurden – ohne Unterstützung durch medizinische Betreuungspersonen – zeigten keine langfristigen Nutzen.
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    Die Autoren

    Der Psychologe David A. Ellis ist Dozent an der Lancaster University sowie Honorary Research Fellow an der University of Lincoln. Lukasz Piwek ist Forschungsassistent an der University of Bath.

Gut untermauert ist inzwischen die Einsicht, dass Fitness-Tracker eher von Menschen gekauft werden, die bereits gesund sind und lediglich ihre Fortschritte beobachten wollen. Inaktive Leute wollen wohl nicht täglich oder gar stündlich an ihre Trägheit erinnert werden. Und wie bei vielen Neujahrs-Resolutionen – etwa der, häufiger ins Fitnessstudio zu gehen –, schwächt sich die Neuartigkeit eines Fitness-Trackers in alarmierendem Tempo ab, selbst bei Leuten, die bereits gesundheitsbewusst sind.
Untersuchungen deuten an, dass mehr als einer von drei Nutzern sein Gerät nach sechs Monaten liegen lässt – und dass die Hälfte es innert eines Jahres nicht mehr verwendet.

Zu viel Selbstbeobachtung ist unerfreulich

Was läuft also schief? Die Gesundheits-Geräte verlangen oft ein zusätzliches Engagement, das viele Menschen als unangenehm empfinden. Ein Beispiel für solch eine kleine «lästige Verpflichtung» ist der Zwang, sie regelmässig – manchmal täglich – zu laden. (Vergleichen Sie das mit einer Armbanduhr, die alle paar Jahre mal einen Batteriewechsel verlangt).
Könnte es zudem sein, dass wir uns mit der Zeit allzu sehr verlassen auf Überwachungsgeräte, die uns fitter erscheinen lassen als wir wirklich sind? Übertriebene Selbstbeobachtung, so konnte gezeigt werden, ist aufdringlich und unerfreulich, insbesondere wenn ein Mensch ein akutes Gesundheitsproblem hat. Und die Aufzeichnung der eigenen Fitness über längere Zeiträume könnte auch ihren Reiz verlieren, wenn die Ergebnisse mit den unabwendbaren Effekten des Alterns konfrontiert sind.

Die Präzision variiert beträchtlich

Natürlich geht all das zuerst einmal davon aus, dass diese Geräte akkurat und sicher sind. Doch wenn man die verschiedenen Angebote vergleicht, variiert die Präzision beträchtlich. Die Fehlerquoten einiger Geräte liegen bei 25 Prozent
Kommt hinzu, dass ein Konsument typischerweise die Daten in seinem Gerät gar nicht besitzt und lediglich summarische statistische Angaben einsehen kann. Die Rohdaten liegen beim Hersteller und werden regelmässig weiterverkauft. Es ist unklar, wie sehr diese Daten sicher und anonym sind; zumal wenn man bedenkt, dass jedes Gerät, das Daten aus der Ferne übermittelt, gehackt werden kann. Dies könnte dazu führen, dass Daten verloren gehen oder gestohlen oder verfälscht werden. 
Dieser Artikel wurde ursprünglich publiziert in «The Conversation». Lesen Sie den Original-Beitrag: «Do fitness trackers make you fitter?», Februar 2016. 
Die Forschung in diesem Bereich sollte zum Ziel haben, ähnliche Verfahren durchzusetzen wie bei Medikamenten und auf diese Weise die Wirkung von Fitnesstrackern zu demonstrieren, bevor sie auf den Markt kommen. Wenn eine Arznei an Menschen getestetet wird, ist eine randomisierte Studie den Goldstandard zur Überprüfung der Effektivität: Eine Patientengruppe erhält das Testmedikament – andere Gruppen (die Kontrollgruppen) bekommen ein anderes Mittel oder ein Placebo. Auf diese Weise kann das neue Medikament verglichen werden mit bereits vorhandenen Arzneien, mit einem Placebo, oder mit beidem.
Eine ähnliche Methode – bei der drei Teilnehmergruppen einbezogen werden – könnte auch die Effektivität von Fitness-Wearables überprüfen:

  • Nach dem Zufallsprinzip erhielte eine Gruppe einen Fitness-Tracker;
  • eine andere Gruppe würde gebeten, ihre täglichen Aktivitäten in einem Tagebuch festzuhalten;
  • eine dritte Gruppe erhielte weder solch ein Gerät, noch würde sie Tagebuch führen.
  • Für alle drei Gruppen gäbe es dann ein empfohlenes Fitness-Regime und zugleich Tipps für einen gesunden Lebensstil.
Über die Zeit liessen sich dann die Fitness-Werte messen – um zu sehen, welche Gruppe die beste Entwicklung aufweist.


Nicht nur, dass dies ein Licht werfen würde auf die Fähigkeit der Probanden, das Verhalten zu ändern; sondern obendrein würden die Resultate helfen, jene Menschen zu identifizieren, welche am ehesten von solchen Geräten profitieren könnten.

Was taugen Gesundheits-Apps? Ein weiterer kritischer Blick: Ein Team des französischen Fernsehens TF4 ging Depressions-, Augen-, Melanom- oder Herzrhythmus-Test-Apps nach:


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