«Leadership ist lernbar»

Leadership-Trainerin Birgit Troschel über die neue Bescheidenheit in den Chefetagen und worauf Führungskräfte in Gesundheitsberufen besonders achten sollten..

, 5. April 2017, 06:30
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Frau Troschel, Sie bringen Führungskräften im Gesundheitswesen Leadership bei. Bei welchen ist der Bedarf am grössten?
Es gibt viele Berufsgruppen, bei denen Leadership nicht zur Ausbildung gehört, etwa bei Ärzten. Häufig führen sie grosse Teams, haben sich aber noch nie mit Führung auseinandergesetzt.
Warum kommen sie zu Ihnen?
Weil der Leidensdruck gross ist. Sie wurden selber schlecht geführt oder können mit jungen Ärzten schlecht umgehen. Früher waren Ärzte per se Autoritätspersonen. Heute folgen die Mitarbeitenden nicht einfach einem Vorgesetzten, nur weil dieser Chefarzt ist. Es braucht neben der fachlichen auch eine natürliche Autorität. Gerade die junge Generation fordert das viel stärker ein und ist auch an Weiterbildung interessiert.
Kann man Leadership überhaupt lernen?
Sicher. Es gibt Instrumente, die zum Beispiel helfen, Mitarbeitende mit unterschiedlichen Profilen zu führen. Das ist gerade in den Spitälern mit den interdisziplinären Teams ein grosses Thema. Mit solchen Tools spart man in der Regel viel Zeit. 
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    Birgit Troschel ist Mitglied der Geschäftsleitung der Stettler Consulting, die auf Personaldienstleistungen im Healthcare-Bereich spezialisiert ist. Sie ist Diplom-Psychologin und zertifizierte Pharmaberaterin. Für die Swiss Health Quality Association (shqa) führt sie regelmässig Leadership-Kurse durch.

Gibt es ein Grundrezept?
Am einfachsten ist es, wenn man für sich selber überlegt, was einen freut, ärgert oder frustriert. Indem ich mich mit meinen Werten auseinandersetze, schaffe ich Akzeptanz für die anderen. Ich mache mir bewusst, dass ich nur ein Teil eines Ganzen bin und andere die Lücken ausfüllen.
Wie kommen Ärzte, die ja meist ein grosses Ego haben, damit zurecht?
Das lässt sich nicht verallgemeinern. Die Persönlichkeit entscheidet, in welchem Bereich sie sich entwickeln, etwa als Hausarzt mit eigener Praxis oder als Spitalarzt. Was es immer braucht, ist die Freude und das Interesse an Menschen. Die Devise «Man muss Menschen mögen» wird immer wichtiger in einer Zeit, in der Hierarchien und Strukturen wegfallen, die bisher Leadership unterstützt haben.
Sie sprechen die Digitalisierung an. Worauf müssen sich Führungskräfte einstellen?
Zum einen müssen sie in der Lage sein, sich im Internet zurechtzufinden und dort auch sichtbar und auffindbar zu sein, etwa in Blogs. Zum anderen müssen sie damit zurechtkommen, dass das Internet ihre Macht beschneidet. Früher machte Wissen einen grossen Teil der Autorität und des Selbstwertgefühls von Ärzten aus. Heute haben alle übers Internet Zugang zu Expertise, etwa wenn es um Behandlungsmethoden geht.
Sie werden nicht nur durch die jungen Mitarbeitenden in Frage gestellt, die besser mit der Digitalisierung umgehen können, sondern auch durch Patienten, die immer besser informiert sind.
Die neuen Leader werden bescheidener werden, weil sie immer jemanden treffen können, der mehr weiss als sie.

«Für die Jungen bedeutet Erfolg, alles unter einen Hut bringen zu können.»

Welche Fähigkeiten müssen die Health Leaders vor diesem Hintergrund haben?
Kritikfähigkeit wird immer wichtiger. Die Fähigkeit, zuhören zu können. Der Umgang mit Fehlern. Die Fähigkeit, Vertrauen auszulösen und anderen Vertrauen zu schenken. Und Demut.
Was raten Sie einem Hochschulabsolventen, der in der Gesundheitsbranche Karriere machen möchte?
Karrieren lassen sich nicht mehr planen. Fleiss ist sicher die Grundlage, um beruflich vorwärts zu kommen. Wichtig ist auch die Sichtbarkeit: Vom Chefarzt bis zur Klinikleitung müssen ihn alle wahrnehmen und mögen.
Welche Rolle spielt das Geld?
Für die Jungen steht der Lohn nicht im Vordergrund. Das Statusdenken hat an Wert verloren. Eigenes Büro, eigenes Auto, Reisen – viele Dinge, die früher einen Anreiz darstellten, ziehen heute nicht mehr. Die junge Generation kennt diese Annehmlichkeiten seit der Kindheit, sie sind nicht mehr so erstrebenswert.
Was wollen die Jungen stattdessen?
Für die ältere Generation war Erfolg gleichbedeutend mit Sicherheit, für die jungen bedeutet Erfolg, alle Interessen unter einen Hut bringen können: Arbeit, Freizeit, Familie. Dazu brauchen sie flexible Arbeitgeber...
...die Teilzeit auch in Führungspositionen ermöglichen.
Ja, die Bewertung der Arbeit verändert sich, auch bei Ärzten. Die Jungen wollen nicht mehr rund um die Uhr arbeiten. Der Trend entwickelt sich exponentiell. Teilzeit ist auf jeder Stufe möglich und wird auch überall Einzug halten. Die entscheidende Frage ist, wie gut die Führungskräfte sich abstimmen und zusammen arbeiten können.
Welches sind für Sie die besten Arbeitgeber im Gesundheitswesen?
Das lässt sich nicht absolut sagen. Wir stellen fest, dass eine moderne Klinik wie zum Beispiel Hirslanden einen bestimmten Typ Mitarbeitenden anzieht und ein kleineres Kantonsspital einen anderen Typ. Jeder kann am richtigen Ort glücklich werden. Wichtig ist, dass alle Arbeitgeber wissen, welche Mitarbeitende zu ihrer Kultur passen. 

Leadership-Lehrgang von Birgit Troschel:

Basic: 8. und 9. Mai 2017
Leadership 4.0: 20. Juni 2017
Coaching und Leadership: 7. September 2017
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