Jede dritte Arztpraxis müsste zum EPD gezwungen werden

Ein Drittel der Arztpraxen in der Schweiz führt die Krankengeschichte auf Papier – und beabsichtigt auch keinen Wechsel. Dies zeigt eine Umfrage des Verbands Schweizerischer Fachhäuser für Medizinal-Informatik (VSFM).

, 7. September 2018 um 12:56
image
Ärzte sollen künftig nur noch dann eine Zulassung zur Grundversicherung erhalten, wenn sie sich einer zertifizierten Gemeinschaft nach dem Gesetz über das elektronische Patientendossier (EPD) anschliessen. Dies zumindest fordert die Kommissionen für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats. Damit will die Kommission dem EPD im ambulant-ärztlichen Bereich mehr Schub verleihen, um etwa Ineffizienzen zu vermeiden oder Kosten zu dämpfen. 
Das heisst mit anderen Worten: Die Kommission will Ärztinnen und Ärzte mit eigener Praxis zum E-Patientendossier verpflichten – oder quasi zwingen. Die Kommission werde die Detailberatung nach der Herbstsession abschliessen., heisst es. Für Ärzte mit eigener Praxis ist der Zugang zur EPD-Technologie bislang freiwillig.

Nur die Hälfte dokumentiert elektronisch

Doch die Umsetzung dürfte nicht ganz reibungslos vonstatten gehen: Denn der Digitalisierungsgrad in Schweizer Arztpraxen ist noch nicht dort, wo man ihn gerne hätte. Erst etwa die Hälfte der Arztpraxen dokumentieren die Krankheitsgeschichten teilweise oder vollständig elektronisch in einem Praxisinformationssystem. Dies zeigt eine Umfrage des Verbands Schweizerischer Fachhäuser für Medizinal-Informatik (VSFM).
Ausgefüllt wurden über 2'400 Fragebögen von Kunden der grossen Anbieter mit circa 80 Prozent Marktanteil: Ärztekasse, amétiq, Axonlab, HIN, Swisscom oder Vitodata. Die meisten der Befragten sind Ärzte in Einzel- oder Gruppenpraxen, aber auch MPA oder Praxismanager. Ein Drittel der Befragten führen das Patientendossier handschriftlich auf Papier – und beabsichtigen keinen Wechsel. Kommt hinzu: Viele Praxisärzte sind im Pensionierungsalter oder kurz davor; diese Generation behaltet ihr Geschäftsmodell bei. So gesehen müsste derzeit jede dritte Arztpraxis gezwungen werden, da die elektronische Patientendokumentation eine Voraussetzung für die elektronische Vernetzung darstellt. 

Kleinst-Organisationen profitieren nur sehr bedingt

Die Analyse im Rahmen einer Befragung zur Kundenzufriedenheit hat auch gezeigt: Rund ein Drittel der Befragten betrachten generell eHealth-Lösungen als mässig bis sehr wichtig. Rund 60 Prozent bezeichnen die Lösung als eher uninteressant, wie VSFM-Präsident Lukas Ackermann gegenüber Medinside sagt.
Das Interesse hänge aber auch von der Grösse der Praxis ab: Je grösser die Praxis, desto grösser ist auch das Interesse an eHealth-Lösungen. Und Praxis- Manager und IT-Fachleute schätzen diese deutlich attraktiver ein. Dies weise darauf hin, dass eHealth und Digitalisierung einen Nutzen in grösseren Organisationen bringen. Kleinst-Organisationen profitieren hiervon nur sehr bedingt, so Ackermann weiter. Das heisst auch, dass sich die Stakeholder im Gesundheitsweisen überlegen müssen, wie sie solche Lösungen für kleine Arztpraxen attraktiv machen können.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Tardoc: Haus- und Kinderärzte protestieren

Der Verband mfe fordert in deutlichen Ton die Einführung des neuen Tarifsystems auf spätestens 2026.

image

Auch mit Leseschwäche zum Medizinstudium

Ein wegweisendes Urteil: Wer unter Dyslexie leidet, soll im Eignungstest mehr Zeit für Prüfungsaufgaben erhalten.

image

Wie wäre es, keinen Arztbericht mehr schreiben zu müssen?

In Zukunft dürfte ChatGPT solche Aufgaben übernehmen. Laut einer Studie schreibt das KI-Programm den Arztbericht zehnmal schneller – und nicht schlechter.

image

Das verdienen Chefärzte und Leitende Ärzte am Kantonsspital Aarau

Die Gehälter der KSA-Kaderärzte sind in den letzten Jahren deutlich gesunken.

image

MFE Haus- und Kinderärzte: Umbau an der Spitze

Präsident Philippe Luchsinger ist zurückgetreten. Monika Reber und Sébastien Jotterand lösen ihn ab. Und es gab weitere Wechsel im Verband.

image

Thierry Carrel: «Für Kranke ist Hoffnung zentral»

Der Herzchirurg findet, neben dem Skalpell sei die Hoffnung eines seiner wichtigsten Instrumente.

Vom gleichen Autor

image

Arzthaftung: Bundesgericht weist Millionenklage einer Patientin ab

Bei einer Patientin traten nach einer Darmspiegelung unerwartet schwere Komplikationen auf. Das Bundesgericht stellt nun klar: Die Ärztin aus dem Kanton Aargau kann sich auf die «hypothetische Einwilligung» der Patientin berufen.

image

Studie zeigt geringen Einfluss von Wettbewerb auf chirurgische Ergebnisse

Neue Studie aus den USA wirft Fragen auf: Wettbewerb allein garantiert keine besseren Operationsergebnisse.

image

Warum im Medizinstudium viel Empathie verloren geht

Während der Ausbildung nimmt das Einfühlungsvermögen von angehenden Ärztinnen und Ärzten tendenziell ab: Das besagt eine neue Studie.