Gesundheitskosten: Es geht eher um Mengen als um Preise

Wer sind die Kostentreiber im Gesundheitswesen? Wo müssen wir den Hebel ansetzen – bei Anbietern, Kassen, Patienten, der Industrie? Darüber debattierten die Gesundheitspolitiker Bea Heim, Ruth Humbel, Thomas de Courten sowie Fridolin Marty von Economiesuisse an der IFAS.

, 2. November 2016, 08:03
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Nicht nur die Krankenkassen, sondern auch immer mehr Bürger stossen angesichts der neuerlichen Erhöhung der Prämien an ihr Limit. Deren Entwicklung toppe bei weitem das Wirtschafts- und Lohnwachstum, stellte Moderator Dominik Feusi am IFAS-Polit-Podium einleitend fest; veranstaltet wurde die Debatte von Fasmed, dem Schweizer Verband für Medizintechnik, sowie der Ärzteorganisation fmCh.

«Grounding der privaten Finanzierung»

Von einem dramatischen «Grounding der privaten Finanzierung» sprach Fridolin Marty, der Leiter Gesundheitspolitik von Economiesuisse. Der Privatversicherungsanteil liege heute bei noch 4 Prozent. Dabei gehörten 5 Milliarden Schweizer Franken aus der Grundversicherung eigentlich dorthin. Auch die privaten Kostenbeteiligungen («out of pocket») sei zurückgegangen beziehungsweise unterdurchschnittlich.
Die Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel (CVP) verwies auf die Versicherer: Es sei «unerträglich, wenn die Krankenkassen nur Zahlstelle sind». Vielmehr müssten diese als eigentliche Kostenkontrolleure in der Grundversicherung «mehr Kompetenz haben, Leistungs-Shopping zu unterbinden».

Nicht Mehrwert, sondern Körperverletzung

Beim grossen Kostenblock der Spitäler sichteten die Expertinnen und Experten auf dem Podium ein Mengenproblem im ambulanten sowie ein Strukturproblem im stationären Bereich. Hier will Bea Heim unter anderem ansetzen. Für die SP-Nationalrätin haben die Fallpauschalen ein Wettrüsten unter den Spitälern und Kantonen ausgelöst: «Boni für lukrative Patienten und mehr Eingriffe führen zu einem Profitdenken, das nicht Sinn einer Gesundheitsversorgung über soziale Versicherungen ist», so die Solothurner Gesundheitspolitikerin.
Auch für Ruth Humbel sind geschätzte 30 Prozent unnötige Operationen «kein Mehrwert, sondern eine einfache Körperverletzung». Richtig findet die Aargauer Nationalrätin hingegen den Mindestfallzahl-Ansatz: Je häufiger ein Spital Eingriffe mache, umso höher sei die Qualität und Kosteneffizienz. Auch den Einsatz von eHealth im ambulanten Bereich bezeichnete sie als «Gewinn für die Patienten und das Gesundheits-System».

Spar-Spielraum im Pharma-Bereich

Im Pharma-Bereich wiederum gebe es noch Spielraum beim Einsatz von Generika und bei den Preisen. Begrenzen liessen sich laut Ruth Humbel beispielsweise die preissteigernden Vorschriften, etwa zur Konfektionierung von Produkten.
Aber ist dies auch entscheidend? Der Anteil der sich – zurzeit in Revision befindenden – Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) an den Gesamtkosten der Grundversicherung beträgt lediglich 1,65 Prozent. Hier liege nicht das grösste Sparpotenzial, räumte Bea Heim ein. Doch die Anwender ärgern sich darüber, wenn beispielsweise gewisse Produkte aus der MiGeL im Ausland billiger sind. Das ist schade für die Industrie». 

Qualitätsmessung mit Registern

Die SP-Politikerin betonte am Podium in den Zürcher IFAS-Hallen, dass Qualität und Behandlungserfolg nachweisbar sein müssen. Von den Ärzten und Fachgesellschaften forderte die Nationalrätin ein «gemeinsames Qualitäts-Strategie-Verständnis». Dazu wiederum brauche es mehr Versorgungs- und Qualitätsforschung – sowie Messungen, wie sie der ANQ seit Jahren durchführt. Froh zeigte sich Bea Heim auch über das 2012 eingeführte und von FASMED mitbegründete Implantate-Register SIRIS: Dort wurden 2014 gut 36`000 Hüft- und Knieprothesen von 220 Kliniken erfasst, die dem Qualitätsvertrag des ANQ beigetreten sind.
Wichtig bleibe zudem ein schneller Zugang der Patienten zu den richtigen Innovationen. Wirksam und zweckmässig sollen die Produkte und Behandlungen sein – und (mehr) nach Erfolg vergütet werden.

Tarmed: Eingriff des Bundesrates begrüsst

Statt für Einschränkungen plädierten die Podiums-Teilnehmer für die Beibehaltung des Leistungskatalogs, jedoch unter stärkerer Berücksichtigung der Kosten-Nutzen-Aspekte. Laut Fridolin Marty von Economiesuisse sind für die Kosten weniger die Produktpreise verantwortlich. Drängender sei das Mengenproblem, und dieses entstehe, weil durch die Leistungserbringer und Patienten zu wenig Kosten-Nutzen-Abwägungen gemacht würden.
Beim Tarif für ambulante ärztliche Leistungen begrüssten alle Teilnehmer die Eingriffs-Kompetenz des Bundesrates: Tarmed sei ein Trauerspiel. Trotz grosser Vertrags-Autonomie hätten es die Vertragspartner nicht geschafft, sich zu einigen. Hier gelte es, den Qualitäts-Aspekt einzubauen und sinnvolle Anreize zu schaffen: In diesem Punkt waren sich die Teilnehmer von SP bis Economiesuisse einig.
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