Für kleinere Spitäler sind Geburtsabteilungen Luxus

Droht die Schliessung einer Geburtenabteilung, ist der Aufschrei gewiss. Dabei könnten sich Spitäler mit unter 600 Geburten eine Geburtenabteilung gar nicht leisten. Hauptgrund: die Vorhalteleistungen.

, 19. Mai 2021 um 20:11
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Eine Hebamme vom konkursiten Paracelsus-Spital in Richterswil schrieb kürzlich im «Zürcher Unterländer», sie hätte von einem Gesundheitsökonomen gelesen, eine kleine Geburtenabteilung mit einer tiefen Kaiserschnittrate könne nicht gewinnbringend betrieben werden. Sie fragte darauf rhetorisch: «Warum kann eine natürliche Geburt nicht so teuer sein, dass ein Kaiserschnitt kein Anreiz ist?»
Die Hebamme hat das Problem nicht erkannt: Nicht die Anzahl der Kaiserschnitte ist massgebend, sondern die Anzahl der in der Nacht getätigten, notfallmässigen Kaiserschnitte.

Vier Personen müssen in 10 Minuten parat sein

Das geht so: Eine Frau erwartet im Spital ihr Kind; sie freut sich auf eine natürliche Geburt; es gibt Komplikationen; also muss die Notfallbrigade in zehn Minuten bereit sein. Sie besteht aus mindestens vier Personen – und zwar für den operativen Eingriff, für die Anästhesie, Anästhesiepflege, Operationspflege und eventuell sogar noch für die Lagerungspflege. So wollen es die Richtlinien der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK).
Diese Vorhalteleistungen sind auch nachts zu gewährleisten, so dass diese vier Personen im Spital oder zumindest in Fussdistanz zum Spital übernachten müssen. Wenn also die vierköpfige Brigade gerademal zwanzigmal pro Jahr nachts ausrücken muss, um ein Kind mit Kaiserschnitt zur Welt zu bringen, so braucht man kein Rechnungskünstler zu sein, um hier ein ausgesprochen ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis auszumachen.

Weniger als 500 Geburten lohnen sich nicht

Paul Sailer ist Senior Manager Beratung Gesundheitswesen bei PwC Schweiz. Er sagt: «Nach unserer Erfahrung ist ein wirtschaftlicher und qualitativer Betrieb ab einer Fallzahl von 500 bis 600 Geburten pro Jahr und Standort realistisch.» Andere Quellen sprechen von mindestens 800 Geburten. 
Das Kantonsspital Obwalden in Sarnen kommt nicht auf diese Fallzahlen: Gerademal 305 Kinder kamen im zurückliegenden Jahr in Sarnen zur Welt. 20 Kaiserschnitte und 13 andere Eingriffe gabs zwischen 22.00 und 07.00 Uhr zu verzeichnen. Der Spitalrat schlug deshalb im September der Regierung vor, neu nur noch im Zweischichtbetrieb von 7 bis 22 Uhr zu operieren, wie hier zu lesen war. 
Damit müsste die Geburtenabteilung geschlossen werden, weil es halt immer wieder vorkommt, dass es nachts bei einer natürlichen Geburt zu Komplikationen kommt, die nicht vorhersehbar sind. Eine Geburt geschieht unabhängig der Tageszeit. Daher kommen statistisch ein Drittel aller Babies zwischen 22.00 Uhr und 07.00 Uhr zur Welt.

Affoltern liess sich nicht retten

Dem Spital in Affoltern am Albis gings nicht besser: Der Stadtrat wollte das Spital sogar total schliessen. Doch 75 Prozent der Stimmberechtigten der 14 Zweckverbandsgemeinden sagten an der Urne deutlich Ja zur Umwandlung des Spitals in eine AG. Doch die Geburtenabteilung liess sich nicht retten: Sie wurde Ende 2019 geschlossen. 2016 kamen im Spital Affoltern 332 Kinder zur Welt.
Anders in Davos: Auch hier drohte der Geburtenabteilung aus Rentabilitätsgründen das Aus. Doch der Davoser Grosse Landrat wollte keine Abstriche am Angebot machen und sprach sich vor anderthalb Jahren für eine Zusatzfinanzierung aus.
Ähnlich in Ilanz: Die 18 Gemeinden der Surselva verhinderten die Schliessung der Geburtsabteilung, indem sie mit dem Regionalspital Surselva eine Leistungsvereinbarung unterschrieben haben und das Defizit decken.

Berner sagten Nein

Beispiel Riggisberg: Das Regionalspital im Berner Mittelland westlich des Gürbetals verzeichnete pro Jahr 350 Geburten. 2013 wurde deshalb die Geburtenabteilung geschlossen. Dasselbe Schicksal ereilte 2015 die Geburtenabteilung in Zweisimmen.
Die betroffene Bevölkerung liess sich das nicht gefallen. Sie lancierte die sogenannte Standortinitiative, über die am 27. November 2016 im Kanton Bern abgestimmt wurde. Die Initianten verlangten eine Garantie, dass der Spitalbetrieb an 14 Standorten für mindestens acht Jahre aufrechterhalten wird. Zudem verlangten sie die Wiedereröffnung der Geburtenabteilungen in Riggisberg und Zweisimmen. Die Initiative wurde mit 66 Nein-Stimmen abgelehnt.

Bündner wollen dezentrale Versorgung

Noch immer gibt es aber zig Spitäler, die sich trotz einer ungenügend hohen Zahl von Geburten eine Geburtenabteilung leisten – oder leisten müssen. In Graubünden, wo Babies Poppis heissen, gibt’s noch etliche Standorte mit zu wenig Geburten: Neben Davos und Ilanz sind das zum Beispiel Schiers oder Thusis.
Doch der Kanton Graubünden hat sich für eine dezentrale Spitalstruktur ausgesprochen, den entsprechenden Spitälern den Leistungsauftrag erteilt und eine finanzielle Unterstützung zugesichert.
«Neben der ökonomischen Sicht müssen noch andere Aspekte betrachtet werden», sagt Reto Keller, Direktor des Spitals Thusis. Es sei zwar richtig, dass man von Thusis je nach Witterungsverhältnissen in 20 Minuten in Chur sei. Doch habe Thusis mit den Tourismusstationen Bergün, Savognin, Splügen und Lenzerheide ein riesiges Einzugsgebiet, das bis auf den Julier reiche. 
Gerade für den Tourismus sei eine 24-Stunden-Notversorgung besonders wichtig. Zudem sei es schon ein Unterschied, ob eine Frau die Wehen auf dem Weg zum Spital eine Stunde oder anderthalb Stunden aushalten müsse, sagt Keller.
Grundsätzlich stellt sich generell die Frage, ob die Spitäler wegen ihrer abgelegenen Lage so oder so eine 24stündige Notfallstation aufrechterhalten müssen – oder wollen.
Mit diesem Argument operiert etwa die Andreas Klinik in Cham. «Gemäss Zuger Spitalplanung haben wir einen Leistungsauftrag für den Betrieb einer 24-Stunde-Notfallstation», erklärt eine Sprecherin. Die zur Hirslanden gehörende Klinik ist aber ein Spezialfall: Sie verzeichnete im letzten Jahr 482 Geburten; doch mehr als die Hälfte der Kinder kamen per Kaiserschnitt auf die Welt; davon 42 in der Nacht.

Emotional, nicht rational

Die Recherche zu diesem Artikel lässt keine Zweifel offen: Die Schliessung von Geburtenabteilungen ist höchst emotional. Auf Anfrage von Medinside, wie viele Kinder im zurückliegenden Jahr entbunden wurden, geben die Spitäler bereitwillig Auskunft. Will man zusätzlich wissen, wie sich die teuren Vorhalteleistungen für die paar Geburten rechtfertigen liessen, gibt’s meist keinen Kommentar. Das Thema ist politisch zu brisant.
Das Spital in Münsingen, das zur Inselgruppe gehört, schien die Brisanz der Anfrage zu erahnen. Die Verantwortlichen wollten nicht verraten, wie viele Babies in ihrem Spital pro Jahr entbunden werden. 
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