Finanzierung: Ärzte drohen mit Volksinitiative

Ambulant oder stationär? Wenigstens soll die Finanzierung endlich vereinheitlicht werden: Mehrere Ärzteorganisationen wollen den Politikern jetzt Beine machen.

, 9. Oktober 2017, 06:00
image
  • ambulant vor stationär
  • fmh
  • politik
Wer wissen will, was in der Schweizer Gesundheitspolitik harzt, findet ein Musterbeispiel unterm Thema «Monismus». Seit zehn Jahren reichen diverse Volksvertreter diverse parlamentarische Vorstösse ein, welche dafür sorgen sollen, dass ambulante und stationäre Eingriffe gleich finanziert werden. Die Initiativen kommen mal von links (Bea Heim, 2016) mal aus der Mitte (Philippe Staehelin, 2011 — Ruth Humbel, 2013), mal eher von rechts (Erika Forster, 2007), aber egal: Sie versacken im schweizerischen Politikbetrieb.

SBV, FMCH, FMH

Jetzt wird es offenbar den Ärzten zu bunt. Wie «Ostschweiz am Sonntag» und «Luzerner Zeitung» erfuhren, planen diverse Mediziner-Organisationen notfalls eine Volksinitiative zur Abschaffung der sonderbaren Lösung, dass die Kantone 55 Prozent der Kosten eines Spitalaufenthalts bezahlen, aber nichts bei einem ambulanten Eingriff. Als treibende Kraft taucht dabei die Schweizerische Belegärzte-Vereinigung auf: «Es muss etwas geschehen», lässt sich deren Sekretär Florian Wanner zitieren: «Wenn die politischen Vorstösse zur einheitlichen Finanzierung nicht erfolgreich sind, dann lancieren wir die Initiative.»
Stellung nimmt auch Josef E. Brandenberg, der FMCH-Präsident: Auch der Verband der Chirurgen könnte sich hinter solch eine Initiative stellen. Und FMH-Präsident Jürg Schlup sagt in der LZ: «Eine solche Initiative würde die FMH unterstützen.»

Anstoss: Tarmed-Eingriff bringt nichts

Den Ausschlag zum Projekt gegeben hätten der jüngste Prämienanstieg sowie der Tarmed-Eingriff des Bundesrats, erklärt SBV-Vertreter Florian Wanner. Die Einsparungen durch die Tarifänderungen seien klein, aber hätten dennoch unerwünschte Folgen.
Starke Bremser der Angleichung sind die Kantone. Ihre Sorge: Ihre Aufwendungen könnten steigen, während zugleich ihr Einfluss sinken dürfte. Ihr Argument: Die Vereinheitlichung würde nur dafür sorgen, dass Kosten hin- und hergeschoben werden – aber unterm Strich gäbe es kaum Ersparnisse. So hätten die Versicherer nach einem Systemwechsel wenig Anreiz, nun (teurere) Hospitalisationen zu verhindern. Obendrein sei ihr Einfluss bei dieser Frage ohnehin nicht so stark– verglichen mit jener von Arzt und Patient. Kurz: Im entscheidenden Punkt habe das Finanzierungsmodell wenig Einfluss.

Initiativ-Drohung als Denk-Hilfe

Die Kantone gehen das Problem bekanntlich an, indem sie zunehmend via Operationslisten festlegen, welche Eingriffe künftig zwingend ambulant erfolgen sollten; ein Vorgehen, das bei den Ärzten wiederum schlecht ankommt. Allerdings signalisierte die GDK unlängst, dass sie zumindest gesprächs- und kompromissbereit sei. Die Initiative der Ärzte könnte hier vielleicht diese Bereitschaft ein bisschen unterstützen.
Noch offen ist, was der Verfassungs-Vorstoss denn genau fordern würde. «Der Text ist noch nicht pfannenfertig», so Florian Wanner. Aber der Kern sei klar: Ambulante und stationäre Leistungen sollen auf die gleiche Art und Weise finanziert werden, weshalb sich die Kantone sich an den ambulanten Kosten beteiligen müssten.
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

«Das ist ein erstes Reingrätschen in den privaten Versicherungsmarkt»

Gilt das Bundesgesetz über die Regulierung der Versicherungsvermittlertätigkeit auch für freiwillige Zusatzversicherungen?

image

Covid: Forschende fordern bessere Datenerhebung weltweit

In einem gemeinsamen Kommentar in «Nature» appellieren führende Forschungseinrichtungen an die Staaten der Welt, die Datenerhebung zu Infektionskrankheiten zu verbessern.

image

Unser Gesundheitssystem ist krank – Lösungsvorschläge zur Heilung

Unser Gesundheitswesen ist krank! Die Kosten steigen überdurchschnittlich, was zu einer höheren Belastung von uns Prämienzahlerinnen und Prämienzahlern führt. Die Prämienlast ist für viele und insbesondere für junge Familien zu hoch. Es braucht endlich griffige liberale Massnahmen!

image

Interpharma wählt Astra-Zeneca-Präsidentin zur Vorsitzenden des Exekutivkomitees

Die Mitglieder des Branchenverbands haben Katrien De Vos, Länderpräsidentin Astra Zeneca Schweiz, zur Vorsitzenden des Executive Committees gewählt. Das sind ihre Ziele im Gesundheitswesen.

image

Demenz: Alle 16 Minuten kommt ein neues Opfer hinzu

In der Schweiz leben laut Schätzungen von Demenz Schweiz rund 150'000 Menschen mit Demenz – bis 2050 sollen es über 300'000 sein. Der Verein wünscht sich Medikamente für alle.

image

Pflegeinitiative: Ständerat bejaht dringenden Handlungsbedarf

Der Ständerat hat heute Dienstag dem Bundesgesetz über eine Ausbildungsoffensive und dem eigenverantwortlichen Bereich für Pflegefachpersonen einstimmig zugestimmt.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.