Erneuter Angriff auf die Laborkosten

Der Bundesrat soll die Laborkosten zulasten der Grundversicherung senken. Das verlangt eine Motion, die am Montag in den Ständerat kommt.

, 6. Dezember 2021, 05:00
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«Corona-Test ist doppelt so teuer wie in Deutschland». Der Artikel auf Medinside vom 16. Juli 2020 ist nur einer von vielen, der während der Coronakrise zu den überteuerten Laborkosten der Schweiz erschienen ist.
Doch die angeblich zu hohen Kosten für Laboranalysen waren schon vorher ein Thema. Am 19. Dezember 2019 reichte Mitte-Nationalrat Christian Lohr eine Motion ein mit dem Auftrag an den Bundesrat, die Preise der Laboranalysen zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) zu senken.

Am Montag ist der Ständerat am Zug

Der Bundesrat beantragt die Annahme der Motion. Das gleiche tat der Nationalrat in der Herbstsession des letzten Jahres. Am Montag wird nun der Ständerat darüber entscheiden. Alles andere als ein Ja wäre eine Überraschung, da die vorberatende Kommission einstimmig ebenfalls für die Annahme stimmte.
Die Krankenkassenverbände wurden in den zurückliegenden Monaten und Jahren nicht müde, die hohen Laborkosten zu kritisieren. 300 Millionen Franken will Santésuisse bei den Laborkosten einsparen, wie am 17. Februar hier zu lesen war.

Bluttests 18-mal teurer als im Ausland

Motionär Christian Lohr stützte sich auf einen Artikel im welschen Konsumentenmagazin «Bon à savoir». Nach dessen Analyse liegen in Schweizer Labors die Preise für die Bestimmung des Ferritinspiegels 2-mal und für kleine Bluttests 18-mal höher als in den Nachbarländern.
Schweizer Labors berechneten für die Überprüfung des Chlamydien-Screenings 95 Franken. In Frankreich, Deutschland und Österreich kostet die gleiche Leistung zwischen 18 und 26 Franken.
«Würden in der Schweiz die gleichen Preise wie im benachbarten Ausland abgerechnet, würden sich die potentiellen Ersparnisse für die Prämienzahler der obligatorischen Krankenpflegeversicherung auf mehrere hundert Millionen Franken pro Jahr belaufen», schrieb der Thurgauer Nationalrat in seiner Motion.
Und noch etwas ist Christian Lohr noch vor der Corona-Krise aufgefallen: 2010 kosteten die Laboranalysen insgesamt 700 Millionen Franken; 2010 waren es bereits 1,5 Milliarden Franken, mehr als das Doppelte.

Der Bundesrat ist nicht mehr lange zuständig

Der Bundesrat ist also – wie gesagt – einverstanden, die Labortarife zu senken, wie das in seiner Kompetenz steht. In seiner Antwort auf die Motion Lohr macht er aber noch auf eine andere Motion aufmerksam, die eigentlich dem Ansinnen von Christian Lohr zuwiderläuft: auf die Motion «Tarifpartner sollen Tarife von Laboranalysen aushandeln», eingereicht am 26. Oktober 2017 von der Sozialkommission des Nationalrats.
Der Bundesrat ist daran, diese umzusetzen beziehungsweise Artikel 52 KVG so zu ändern, dass die Tarife der Labors durch die Tarifpartner verhandelt und nicht mehr vom Bundesrat bestimmt werden, analog Tarmed und DRG. Sobald diese Forderung umgesetzt ist, verliert das Innendepartement die Kompetenz, die Tarife der Laboranalysen festzusetzen. 

Laborkosten – schon 2008 ein Thema

Langjährige Beobachter der Szene mögen sich erinnern: die Laborkosten sorgten schon vor über zehn Jahren für heisse Köpfe. Doch gemeint sind hier nicht die Kosten der zentralen Labore, sondern die von den Grundversorgern in Rechnung gestellten Kosten für die Laboranalyse in der eigenen, ambulanten Praxis.
«Würden die Labortarife gesenkt, so könnten viele ambulante medizinische Abklärungen durch den Grundversorger nicht mehr eigenständig seriös durchgeführt werden», warnte der Allgemeinmediziner Hans F. Baumann in einem offenen Brief an die Adresse des damaligen Gesundheitsministers Pascal Couchepin. Das war im Oktober 2008.
Im Weiteren machte der Notarzt und Facharzt FMH aus Bassersdorf geltend, dass mit der Reduktion der Laboranalysentarife im ambulanten Kleinlabor ein essentielles Glied der Abklärungskette des Grundversorgers gestrichen würde. «Die Konsequenz wäre ein weiteres Sterben der Grundversorgung und eine Kostensteigerung im Gesundheitswesen durch vermehrte Konsulationen», schrieb Hans F. Baumann.
Trotz solcher Proteste seitens der Ärzteschaft und der FMH senkte Couchepin Mitte 2009 die Laborkosten. Der Walliser begründete seinen Schritt damit, dass das geltende Tarifmodell für medizinische Laboranalysen seit 1994 nicht angepasst wurde, obschon manche Analysen dank dem technischen Fortschritt automatisiert und damit kostengünstiger durchgeführt werden konnten. Und schon damals machte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die hierzulande massiv höheren Laborkosten im Vergleich zum Ausland geltend. 
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