eHealth: Massenhaft Daten, keine Orientierung

Der Boom von Gesundheits-Apps und –Geräten schafft zahllose neue Informationen. Aber wer kann diese Daten überhaupt noch deuten? Es ist höchste Zeit, dass hier jemand für eine neue Klarheit sorgt. Die Frage ist nur: Wer? Von Pascal Fraenkler.

, 22. Februar 2017, 10:00
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Wir wollen fit werden, gesund leben, gesund bleiben. Und so erleben Gesundheits-Apps einen enormen Boom. Der Trend begann mit den sogenannten Fitness-Trackern, mit denen man Schritte zählen und die tägliche Ernährung dokumentieren kann. Die «Quantified-Self»-Bewegung setzt nicht auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen Fitness-Aktivitäten – was zählt, sind Daten, mit denen sich Vergleiche anstellen lassen.
Sportärzte werden überrannt von Tracking-Süchtigen, die Orientierungshilfe bei der Auswertung der gesammelten Datenmengen suchen. Das Problem dabei: Die Daten werden bei unterschiedlichen Bedingungen und unter unterschiedlicher Belastung erhoben. Sie können aus diesem Grund weder ausgewertet noch sonstwie vergleichbar gemacht werden. Die enormen Datenmengen sind deshalb in den meisten Fällen unbrauchbar.
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    Pascal Fraenkler

    Pascal Fraenkler ist Gesundheitsökonom und Initiant von eedoctors, einer Smartphone-App, die mittels Video-Chat den Hausarzt verfügbar macht. Die App ist ab Mai 2017 verfügbar. In seiner Karriere war der studierte Betriebsökonom HWV/FH unter anderem in den Geschäftsleitungen von PharmaSuisse, der RehaClinic und der HINT AG.

Dies frustriert viele Anwender. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Geräte bereits nach kurzer Zeit immer öfters im Schrank liegen bleiben und der Besitzer das Interesse daran verliert (siehe dazu hier). Was allerdings bedauerlich ist, denn viele Menschen finden den Zugang zum eigenen Körper nur über den Kopf – also über die Auswertung von Daten.
Das ist die eine Seite. Die andere: Immer mehr Apps erobern den Markt, die nicht den sogenannten Lifestyle-Gadgets zuzuordnen sind, sondern in einem direkten Zusammenhang mit einer möglichen Erkrankung stehen. Ziel ist die Überwachung von kranken Menschen. Oder von gesunden Menschen, die ein Risiko in sich tragen, an einer spezifischen Diagnose zu erkranken.

Marktpotential Messgeräte

Zu dieser Kategorie gehören eine Vielzahl von Messgeräten, deren Daten über eine mobilen Integration dem Patienten elektronisch verfügbar gemacht werden. Dieser Bereich wird sich in den nächsten Jahren enorm entwickeln. Rainer Endl, ein Gesundheits-IT-Spezialist von der Fachhochschule St. Gallen ortet im Rahmen seiner Untersuchungen bei dieser Kategorie das grösste Marktpotential im mobilen Gesundheitsbereich.
Das steigende Gesundheitsbewusstsein, die Möglichkeiten der Digitalisierung und der demografische Wandel erzeugen einen gewaltigen Sog. Die Datenmenge, die heute bereits erfasst wird, soll in den nächsten Jahren weiter exponentiell steigen.
Die Bertelsmann Stiftung hat im Rahmen einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie festgestellt, dass weltweit bereits mehr als 100‘000 mobile Health-Care-Apps verfügbar sind. Doch was geschieht mit all den Daten? Welche Schlüsse und welchen Nutzen kann ein Anwender aus diesen Mengen ziehen?

Befunde ohne Bedeutung

Die Antwort auf diese Frage ist leider sehr ernüchternd, denn Anwendern wie Patienten fehlt die notwendige Orientierung. Damit liefern all die Messgeräte massenhaft Befunde ohne greifbare Bedeutung. Die Gesundheitsdaten und Laborwerte müssen verstanden, interpretiert, gewichtet und eingeordnet werden, sagt Robin Haring, Professor für vergleichende Gesundheitswissenschaften in Rostock: «Damit die Werte nicht virtuell bleiben, die Diagnosen nicht zum Selbstzweck verkommen, braucht es vor allem ein gutes Gespräch zwischen Arzt und Patient.» («Bin ich wirklich krank?», «Die Zeit», Januar 2016)

Aber wer könnte es denn?

Folglich stellt sich die Frage, wer denn dazu befähigt wäre, als Schnittstelle zwischen dem nach Erkenntnis lechzenden Anwender und der medizintechnisch bedingten Datenflut zu agieren.
Vorab empfiehlt sich der Hausarzt oder der behandelnde Spezialist, die Erfassung der relevanten Parameter gezielt zu planen und diese anschliessend einer fachlichen Auswertung zuzuführen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es nur in sehr seltenen Fällen soweit kommt: Es entsteht der Eindruck, dass auch die Ärzte mit der rasant wachsenden Anzahl an Geräten überfordert sind.

Aufgabe der Anbieter

Daher wäre es Aufgabe der Anbieter, ein Netzwerk an Ärzten oder medizinischen Fachpersonen bereit zu stellen, die in der Lage sind, den notwendigen Support sicherzustellen. Für einen Anbieter wäre dies ein kaum zu unterschätzendes Alleinstellungsmerkmal.
Dies kann geschehen, indem man ein Netz an beratenden Fachleuten selber aufbaut, oder indem man die Kooperation mit einem bereits bestehenden Ärztenetzwerk eingeht. Ebenso wie die vielen Smartphone-Apps und Wearables, mit denen all die Daten erfasst werden, sollte der ärztliche Support vorzugsweise auch mobil verfügbar sein. Mit eedoctors sind wir daran, ein solches Netzwerk zu etablieren, welches ab Mai 2017 als App verfügbar ist. 
  • Bild: Pixabay CCO
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