Doktoren und Depressionen: Das stille Leiden

Eine US-Ärztin griff das Tabuthema auf und löste überraschend viele Reaktionen aus.

, 4. Juli 2017, 13:12
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Mitte Mai veröffentlichte die Ärztin Pamela Wible auf dem Branchenportal Medscape den Beitrag «Doctors and Depression: Suffering in Silence» - und hat damit viele Wunden aufgerissen.
Seit der Publikation des Artikels meldeten sich über hundert Ärztinnen und Ärzte mit teilweise emotionalen Reaktionen und Berichten über ihre eigenen Erfahrungen und den Umgang mit Depressionen. Sie zeigen, dass Depressionen in der Ärzteschaft verbreitet sind, aber vor allem unter der Oberfläche brodeln. 

Hilfe im Gebet

Pamela Wible, die seit 2012 eine Hotline für depressive und suizidgefährdete Ärzte betreibt, hatte für ihren Beitrag 200 Ärzte befragt, die während ihrer Laufbahn an einer Depression litten. Die Fragen drehten sich um die Erfahrungen und die Therapien, die sie befolgten. 
Danach holten sich lediglich 33 Prozent der Ärzte professionelle Hilfe. 27 Prozent griffen zur Selbsthilfe, 14 Prozent zeigten selbstzerstörerisches Verhalten wie übermässigen Alkoholkonsum, 10 Prozent unternahmen gar nichts. Weitere 6 Prozent wechselten den Job, 5 Prozent nahmen selbstverschriebene Medikamente, 4 Prozent entschieden sich für andere Tätigkeiten und 1 Prozent suchte Hilfe im Gebet.
Die meisten Ärzte versuchten es gemäss Wible mit mehreren Behandlungen. Allerdings blieb auch die Mehrheit monate- oder sogar jahrelang untätig und sprach mit niemandem über die Probleme. Professionelle Hilfe stand nicht generell im Vordergrund. 

Viele Auslöser

Pamela Wible konstatiert wenig überraschend, dass es bei Ärzten die gleichen Auslöser gibt für Depressionen wie für die Allgemeinheit, etwa das Scheitern der Ehe oder der Tod eines geliebten Menschen. Allerdings wirken sich die Faktoren bei Ärzten angesichts des intensiven Berufslebens verstärkend aus:
Trennung, Scheidung: Die Ehen von Ärzten sind wegen der langen und unregelmässigen Arbeitszeiten stärker gefährdet. 
Einsamkeit: Lange Arbeitszeiten lassen wenig Zeit, um Beziehungen und Freundschaften zu pflegen.
Tod des Ehepartners: Da Ärzte wegen des hohen Arbeitspensums weniger Zeit und Energie haben, um stabile Beziehungen zu knüpfen, fallen sie beim Tod des Ehepartners häufiger in ein Loch.
Existenzängste: Obschon Ärzte deutlich mehr verdienen als der Durchschnitt, sparen sie in der Regel weniger, da sie einen aufwändigeren Lebensstil pflegen. 
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