So könnten Spitalversicherungen künftig aussehen

Thomas Boyer erklärt, wie Spitalversicherungen künftig aussehen könnten. Zudem gibt sich der CEO von Groupe Mutuel zuversichtlich, dass es tarifliche Übertreibungen dank Mehrwertverträgen nicht mehr geben wird.

, 16. November 2021, 14:35
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Herr Boyer, wie lange bietet die Groupe Mutuel die Zusatzversicherung halbprivat und privat noch an?

Solange es dazu eine Nachfrage gibt. Soweit ich informiert bin, haben 2,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer eine Spitalzusatzversicherung. Das Bedürfnis ist offensichtlich.

Doch die Kundschaft ist am Aussterben. Junge Personen schliessen kaum mehr Spitalzusatzversicherungen ab.

Zumindest bei Groupe Mutuel stimmt das nicht. Stand heute haben wir fürs nächste Jahr im gesamten Bereich der Zusatzversicherungen 75'000 neue Produkte verkaufen können. Dies bei einem Bestand von rund einer Million Kundinnen und Kunden.

Wie viele davon schlossen eine Spitalzusatzversicherung ab?

Bei den 75'000 neu verkauften Produkten handelt es sich bei rund 40 Prozent um Spitalversicherungen.

Es gibt verschiedene Typen von Spitalversicherungen; konventionelle, solche mit einem hohen Selbstbehalt oder Flex-Modelle. Von welchen verkauft Groupe Mutuel am meisten?

Am meisten sind die konventionellen Produkte gefragt, wobei mit 65 Prozent die allgemeine Abteilung bevorzugt wird. Wir haben bei unseren Kunden eine Umfrage gemacht. 80 Prozent halten das Preis-/Leistungsverhältnis als richtig. Zwei Drittel sagen, die freie Spitalwahl sei der Grund Nummer eins.

Freie Spitalwahl gibt es auch in der Grundversicherung.

Nicht überall. Behandlungen in einem ausserkantonalen Spital sind nicht immer voll gedeckt. Zudem kann man nicht in ein x-beliebiges Privatspital gehen.

Die Kantone Waadt und Genf haben ein hervorragendes Spitalangebot. Da gibt es keinen Anreiz, sich ausserkantonal operieren zu lassen.

60 Prozent der Kunden gaben in unserer Umfrage neben der freien Spitalwahl auch die freie Arztwahl als Grund an, weshalb sie sich für eine Spitalzusatzversicherung entschieden haben. Aber es ist klar: Wir müssen die Spitalzusatzversicherung neu erfinden.

Haben Sie Vorstellungen, in welche Richtung dies gehen könnte?

Wir wollen alternative Modelle prüfen, bei denen man nicht sein ganzes Leben lang eine Prämie bezahlen muss. Prüfenswert ist auch eine Kombination zwischen Vorsorge und Gesundheit. Ich brauche vielleicht nicht eine super breite Deckung. Aber wenn ich wirklich krank bin, dann möchte ich wählen, welcher Arzt mich in welchem Spital operieren soll. Vielleicht bin ich dazu bereit, eine Risikoversicherung, analog einer Lebensversicherung, abzuschliessen.

Eine Kombination von Gesundheit und Vorsorge?

Groupe Mutuel ist der einzige Versicherer in der Schweiz, der die gesamte Produktepalette in den Bereichen Gesundheit und Vorsorge anbietet – und zwar für Private wie auch für Unternehmen. In dieser Richtung wollen wir neue Produkte entwickeln. Das ist nur ein Beispiel.

Haben Sie andere Beispiele?

Wir überlegen uns, wie weit wir neue Plattformen oder neue Partnerschaften mit gewissen Leistungserbringern schaffen wollen. Vielleicht entwickeln wir Produkte, die nur für gewisse Krankheiten und nur bei ausgewählten Partnern gelten.

Wie verhält es sich mit der Ausweitung in den ambulanten Bereich? Das vor acht Jahren lancierte Helsana-Produkt Primeo hat weder eingeschlagen noch Nachahmer gefunden.

Vielleicht war das Produkt bei deren Lancierung noch nicht marktreif. Damals gab es die Avos-Listen (ambulant vor stationär) noch nicht. Doch ich bin überzeugt: Produkte für ambulante Behandlungen und Eingriffe werden an Bedeutung gewinnen. Auch dank Efas (einheitliche Finanzierung).

Was sollen solche Produkte an Mehrwert bieten?

Freie Arztwahl, prioritäre Behandlung für den operativen Eingriff und die Gewähr, für die ganze Behandlung vom gleichen Arzt, der gleichen Ärztin, betreut zu werden.

Wann kommt Groupe Mutuel mit einem solchen Produkt auf den Markt?

Wir werden nächstes Jahr neue Produkte lancieren.
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    Thomas Boyer

    Thomas Boyer ist seit August 2019 CEO von Groupe Mutuel. Vorher war er sechs Jahre bei der Mobiliar in Nyon tätig, die letzten zwei Jahre als Geschäftsleitungsmitglied. Gleichzeitig sass der französisch-schweizerische Doppelbürger im Verwaltungsrat von Groupe Mutuel. Thomas Boyer, der am 5. Dezember seinen 50. feiern wird, kennt den Kranken- und Lebensversicherer aus Martigny schon von früher, als er 2006 bis 2007 das Marketing leitete, nachdem er sieben Jahre bei der Swiss-Life-Tochter «La Suisse» die Finanzen betreute. 1994 machte Boyer an der Universität Lausanne den Master in Betriebswirtschaft.

Zurück zur freien Spitalwahl: Von Ihren Mitbewerbern höre ich, es sei schwierig, die freie Spitalwahl anzubieten, weil man dadurch den Spitälern ausgeliefert sei und sie die Tarife diktieren könnten.

Die Spitäler konnten die Tarife nur deshalb diktieren, weil sie völlig intransparent waren. Hier ist nun dank dem Druck der Finma (Finanzmarktaufsicht) ein Prozess in Gang gekommen, um Transparenz zu schaffen. Das heisst, jede Mehrleistung muss klar definiert sein. Es gibt sechs Kategorien wie Mehrleistung Hotelllerie-Komfort, klinische Mehrleistung, ärztliche Mehrleistung, freie Spitalwahl, freie Arztwahl, ausserkantonales Spital, Flexibilität. Für diese Kategorien muss ein Preis festgesetzt werden.

Die Finma hat nur die Aufsicht über die Krankenzusatzversicherer inne. Den Spitälern hat sie nichts zu sagen. Es gibt Spitäler, die solche Vorgaben nicht akzeptieren.

Bis Ende 2023 müssen alle Verträge nach den vom SVV (Schweizerischer Versicherungsverband) vorgegebenen Standards neu verhandelt sein. Ab dann darf es keine vertragslose Beziehung mehr geben.

In der Vergangenheit war wiederholt von vertragslosen Zuständen zwischen Spitälern und Versicherern zu lesen. Stets handelte es sich um Helsana, Concordia oder CSS. Von Groupe Mutuel hörte man nie etwas. Sind Sie bereit, jeden Tarif zu bezahlen?

Wir sind in den Verhandlungen genauso fordernd wie unsere Konkurrenten, aber diese Streitigkeiten löst man nicht über die Medien….

Halt, es sind geschädigte Kunden, die sich an die Medien wandten. Den Kassen blieb nichts anderes übrig, als den vertragslosen Zustand zu bestätigen.

Ab dem 1. Januar werden wir 80 neue Verträge haben. Wir haben auch mit gewissen Spitälern keinen Vertrag, zum Beispiel mit dem Luzerner Kantonsspital (Luks). Wir konnten die vorgegebenen Bedingungen nicht akzeptieren. Die Kunden wurden entsprechend informiert, und wir haben Ihnen versichert, dass Sie bei einer Behandlung im Luks dank einer Zwischenlösung nicht auf Kosten sitzen bleiben werden.

Wie lässt sich rechtfertigen, dass ein Spital für ein künstliches Hüftgelenk eines halbprivat versicherten Patienten 6000 Franken; ein anderes mehr als das Doppelte verlangt.

Das sind genau jene Fälle, die es in Zukunft nicht mehr geben darf. In der Vergangenheit gab es Übertreibungen. Was nicht zu rechtfertigen ist, müssen wir korrigieren. Das haben wir als Branche in der Vergangenheit nicht richtig gemacht. Wir haben die Extremfälle nicht korrigiert. Mit den neuen, transparenten Mehrwertverträgen wird das nicht mehr passieren.

Die Spitäler sind das eine; die Ärzte etwas anderes. Mit vielen Belegärzten gibt es gar keine Verträge. Sie stellen Rechnung und die Krankenkasse muss bezahlen, wenn sie den Kunden nicht verärgern will.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wird ein Vertrag zwischen dem Belegarzt und dem Spital abgeschlossen, und die Vergütung des Arztes ist allein Sache des Spitals. Oder es muss ein Vertrag zwischen Arzt, Krankenhaus und Versicherer abgeschlossen werden. In jedem Fall ist die Transparenz der in Rechnung gestellten Leistungen zwingend erforderlich.

Die Krankenversicherer sind schon länger daran, transparentere und einheitliche Verträge auszuhandeln. Man sagt mir, mit vielen Spitälern sei das nicht so schwierig. Schwieriger sei es mit den Belegärzten – und besonders schwierig mit den welschen.

Ich würde präzisieren: mit einigen Ärzten aus den Kantonen Waadt und Genf.

Mit vielen Ärzten gibt es gar keine Verträge. Sie stellen Rechnung, und die Krankenkasse zahlt. Wer garantiert, dass man mit dem neuen Regime auch die welschen Ärzte mit ins Boot holen kann?

Das Ziel ist klar: Keine vertragslosen Zustände. Wir müssen im Interesse des Systems arbeiten. Wir können nicht mehr akzeptieren, dass ein Arzt eine Leistung in Rechnung stellt, für die es keine vertragliche Grundlage gibt. Für jede Leistung gibt es einen Wert. Aber der Arzt kann nicht selber bestimmen, wie hoch dieser Wert ausfällt.
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