«Die Leute, die wirklich wollen, können auch ein Jahr warten»

Auch der neue Präsident des Wissenschaftsrates wendet sich gegen den Numerus clausus in der Medizin-Ausbildung.

, 18. April 2016, 08:00
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Was halten Sie vom Numerus clausus? Der neue Präsident des Wissenschaftsrates, Gerd Folkers, gab der «Schweiz am Sonntag» ein Interview – und Fragen zur Entwicklung in der Medizin waren dabei ein Schwerpunktthema.
Folkers äusserte eine gewisse Unzufriedenheit mit der Auswahl des Nachwuchses. Schon grundsätzlich sei ein Numerus clausus negativ: «Man sollte junge Leute in ihrer vollen Faszination das machen lassen, was sie wirklich wollen. Ob es einen Test gibt, der die intrinsische Motivation erkennt, wage ich zu bezweifeln.»
Folkers, seit 1994 ordentlicher Professor für Pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich, steht dem eidgenössischen Wissenschaftsrat seit Januar vor. Aus seiner Erfahrung bezweifelt er auch, dass die Universitäten von einem Ansturm überwältigt würden, sollte man den Numerus clausus abschaffen: «Die Leute, die wirklich wollen, werden auch ein Jahr warten können oder zwischenzeitlich ein Praktikum in der Krankenpflege machen.»

Gesucht: Menschen mit innerem Feuer

Jedenfalls: Wenn eine Zulassungsbeschränkung, dann müsse sie anders umgesetzt werden.
Damit reiht sich Gerd Folkers bei jenen ein, welche die Idee eines Assessment zur Aussiebung der angehenden Medizinstudenten befürworten. «Bei der aktuellen Auswahl frage ich mich: Gibt das später die besseren Ärzte als jene, die es nicht geschafft haben?», so seine Überlegung: «Vielleicht würde es mehr bringen, wenn sich die Leute in einem Assessment beweisen könnten. Wir benötigen junge Menschen mit einem inneren Feuer – in allen Hochschulbereichen.»
Zu den Befürwortern dieser Idee gehört auch der FDP-Fraktionschef (und Arzt) Ignazio Cassis, ferner Jacques de Haller, der ehemalige FMH-Vorsteher und aktuelle Präsident der europäischen Ärztegesellschaft CPME: Er würde ebenfalls die Idee eines umfassenden Assessment nach israelischem Vorbild begrüssen – nach der Überlegung: «Wer in Mathe nicht so gut ist, kann trotzdem ein guter Arzt sein», 
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