Die Konsequenzen der Corona-Pandemie

Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte stellt sich nach Ausbruch der Pandemie den Fragen der Zukunft.

, 24. April 2020, 09:10
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In einem offenen Brief setzt sich der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) mit den Konsequenzen aus der Pandemie auseinander. Das Schreiben richtet sich unter anderem an die Mitglieder der beiden Gesundheitskommissionen im eidgenössischen Parlament. 
Der Verband unterstütze die Massnahmen des Bundes zur Bekämpfung des Coronavirus ohne Wenn und Aber. Auch die Mitglieder tun dies Tag für Tag. Mit allen Kräften - und nicht selten darüber hinaus, wie im Brief zu lesen steht. 

Service public, Arbeits- und Ruhezeit, weniger Bürokratie

Nach dunklen Wochen werden die Lichtblicke laut Verband nun immer mehr. Und immer mehr stellen sich damit die Fragen nach der Zukunft, wie der VSAO schreibt. «Was sind die Lehren und müssen die Konsequenzen aus der Pandemie sein?»
Der VSAO appelliert mit dem Schreiben an die Parlamentarier, die folgenden Punkte bei den nächsten Beratungen sowie Fragen und Vorstössen an die Adresse des Bundesrats aufzunehmen.    
Der Konsequenzen-Katalog des VSAO im Wortlaut:
1. Service public kostet - aber sparen erst recht.
Wir alle sehen in der Krise die Wichtigkeit eines funktionierenden Gesundheitswesens für Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Wichtigkeit geht über Franken und Rappen hinaus und lässt sich nicht in Planspielen berechnen. Eine gute Gesundheitsversorgung ist auch nicht plan- und optimierbar wie die Herstellung eines Konsumguts. Sie muss deshalb als Service public gelten, der etwas kosten darf. Denn fehlende Vorhalteleistungen und Reserven lassen sich bei plötzlichem Bedarf nicht kurzfristig schaffen. Zu wenige Kapazitäten bei medizinischem Personal und Material kommen am Ende teuer zu stehen.

  • Deshalb fordern wir: Schluss mit immer mehr Spardruck und Renditedenken! Es braucht genügend Personal und Infrastruktur, um die Versorgungsqualität und Patientensicherheit zu garantieren.

2. Das Arbeitsgesetz ist keine Empfehlung - es ist ein Muss.
Wir sagen es schon lange, und unsere neuste Mitgliederstudie, die wir am 10./11. Mai 2020 publizieren, belegt es einmal mehr: Das Arbeitsgesetz wird in den Spitälern in Normalzeiten weit verbreitet verletzt. Es ist klar, dass es in der jetzigen Situation vielfach noch mehr Flexibilität und Einsatz braucht. Genauso klar ist aber, dass weder das Coronavirus noch andere Gründe ein Freipass sein dürfen, um beliebig gegen die geltenden Arbeits- und Ruhezeitenregelungen zu verstossen. Wenn das medizinische Personal an seine persönlichen, gesundheitlichen Grenzen kommt, ist das ein Risiko für die Patientensicherheit. 

  • Deshalb fordern wir: Das Arbeitsgesetz muss endlich konsequent eingehalten werden. Dazu braucht es strengere Kontrollen und Sanktionen bei Verstössen.

3. Ärztliche Aus- und Weiterbildung ist unverzichtbar - auch in und für Krisen.
Wir hören von unseren Mitgliedern, dass ihre Aus- und Weiterbildung in den Spitälern oft sekundäre Bedeutung hat. Sie war deshalb etwas vom Ersten, was in der aktuellen Lage noch mehr unter Druck geraten ist. Ohne Aus- und Weiterbildung auch in und für Krisen nimmt jedoch die Attraktivität des Arztberufs für junge Schweizerinnen und Schweizer weiter ab - was die Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften steigert. Das Gewicht der Aus- und Weiterbildung im Hinblick auf die Qualität und Sicherheit der künftigen Gesundheitsversorgung muss deshalb gestärkt werden - ob mit oder ohne Pandemie.

  • Deshalb fordern wir: Die Qualität und Durchführung der Weiterbildung muss unabhängig von ausserordentlichen Lagen oder Sparzwängen gewährleistet sein. Es braucht innovative Konzepte.

4. Einfache und effiziente Abläufe - statt einfach mehr Bürokratie.
Wir haben bei den Punkten 1 und 3 im Grunde immer dasselbe Thema angesprochen: die Qualität der Gesundheitsversorgung. Zu dieser gehört noch mehr. Denn die vergangenen Wochen sind beispielhaft dafür, wie wichtig es ist, dass die Spitäler ihre Prozesse gut organisieren - und dass es bei Bedarf einfacher und unkomplizierter geht. Ziel muss ein einfaches, effizientes Arbeiten sein, das einer effektiven Patientenversorgung immer erste Priorität einräumt - wo immer möglich und sinnvoll mit weniger administrativem Aufwand als heute.

  • Deshalb fordern wir: Es braucht jetzt verstärkte, koordinierte Bemühungen, um die Reduktion unnötiger Bürokratie zugunsten der Patientenbetreuung zu fördern.

Verband kritisiert Arbeitsgesetz-Verstösse 

«Bestürzt» ist der Verband, dass der Bundesrat die Arbeits- und Ruhezeitvorschriften des Arbeitsgesetzes im März teilweise ausser Kraft setzen musste. Zumal die Versorgung mangels Gesundheitsfachpersonal in gewissen Kliniken nicht anders sicherzustellen war. Dies habe ein falsches Zeichen gesetzt. 
Zudem haben die Begriffe «Kosten» und «Sparen» in den letzten Jahren die politische Debatte über das Gesundheitswesen geprägt, wie im Brief weiter zu lesen steht. «Oft sogar, so schien es, nach dem Motto «sparen - koste es, was es wolle!»
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