Deos mit Aluminium sind toxisch und kanzerogen

Aluminiumsalze in Antitranspiranten stehen schon länger unter Verdacht, der Gesundheit massiv zu schaden. Zwei neue Studien bestätigen dies jetzt.

, 4. Oktober 2021, 13:16
image
In den industrialisierten Gesellschaften nehmen die Brustkrebsfälle seit Ende der 60er-Jahre erheblich zu. Die Ursachen sind zwar immer noch weitgehend unbekannt. Trotzdem werden sie in der wissenschaftlichen Literatur mehr oder weniger auf  Umweltfaktoren oder unseren Lebensstil zurückgeführt und weniger auf genetische Ursachen.
Epidemiologische Analysen zeigen, dass die bislang ermittelten Risikofaktoren, nämlich Fettleibigkeit, Alkohol, Tabak oder die Exposition gegenüber den Hormonen Östrogen und Progesteron nur zu einem geringen Teil die beobachteten Krebsfälle erklärt. 
Brustkrebs entsteht vorwiegend in den äussern Bereichen der Brustdrüse, in der Nähe der Achselhöhle, wo die Haut sehr dünn und durchlässig ist. Diese Feststellung hat zur Hypothese geführt, dass einer oder mehrere chemische Bestandteile von Deodorants die Ursache für die oben genannte Zunahme der Brustkrebsfälle sein können.

2016: Die ersten Beweise

Seit einigen Jahren arbeitet eine Forschergruppe der Fondation des Grangettes, des onkohämatologischen Zentrums der Hirslanden Clinique des Grangettes sowie der Universität Oxford an der Hypothese, dass Aluminiumsalze, die in Deodorants und bestimmten Sonnencremes in hohen Konzentrationen vorkommen, möglicherweise zu den ursächlichen Umweltfaktoren zählen könnten. 
Ihre früheren Arbeiten haben gezeigt, dass Brustzellen, die in Gegenwart von Aluminiumsalzen gezüchtet werden, in der Lage sind, bei Tieren sehr aggressive metastatische Tumore zu bilden – selbst wenn die Aluminiumkonzentration etwa 5000 bis 50'000 Mal geringer war als diejenige, die in Deodorants gefunden und den in der menschlichen Brustdrüse gemessenen wurden. Die Ergebnisse erschienen 2016 in der Zeitschrift International Journal of Cancer. 
Sie boten erste aussagekräftige Beweise für das kanzerogene Potenzial von Aluminiumsalzen. Allerdings blieb noch zu klären, über welche biochemischen Wege oder Wirkmechanismen Aluminiumsalze ihre kanzerogene Wirkung auf Brustdrüsen ausüben, ist dem Communiqué der Fondation des Grangettes zu entnehmen. 

Ein erster wichtiger Meilenstein

Durch neue Experimente, die im Labor der Fondation des Grangettes hauptsächlich im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem  onkohämatologischen Zentrum der Hirslanden Clinique des Grangettes und dem  Chromosome Dynamics-Team des Wellcome Centre for Human Genetics (Universität Oxford) durchgeführt wurden und deren Ergebnisse vor kurzem in zwei neuen Artikeln veröffentlicht wurden (Tenan et al., Int. J. Mol. Sci. 2021, 22, 9515 und Mandriota et al., Int J Mol Sci. 2020; 21:9332) konnten mehrere  Aspekte des Wirkmechanismus von Aluminium bei der Zelltransformation analysiert werden. 
Zum einen überprüften die Forscher, ob Aluminium tatsächlich in die Zellen dringt, und zum anderen, ermittelten sie, ob die in den Brustzellen beobachteten, durch die Aluminiumexposition verursachten DNA-Brüche (Sappino et al., J Appl Toxicol. 2012; 32:233-243) eine genomische Instabilität bewirken könnten, manifestiert durch eine Veränderung von Struktur und Anzahl der Chromosomen. 
Die genomische Instabilität ist eine Eigenschaft, die praktisch alle menschlichen Tumoren aufweisen und Voraussetzung für eine Umwandlung von Zellen der Brustdrüse in bösartige Zellen ist.

Das sind die formellen Beweise

Durch diese neuen Versuche kann bestätigt werden, dass Aluminiumsalze sehr schnell von den Zellen aufgenommen werden und zudem in den Stunden danach erhebliche Veränderungen der physischen Struktur und Anzahl der Chromosomen bewirken. Anders ausgedrückt, weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass Aluminium durch eine schnelle Destabilisierung des Genoms eine bösartige Umwandlung der Brustzellen fördert.

Ähnlichkeiten mit Asbest und Tabak

Diese neuen Ergebnisse dürften die Gesundheitsbehörden von der Notwendigkeit überzeugen, das Risiko einer wiederholten Exposition gegenüber Aluminium für die menschliche Gesundheit anzuerkennen und die Verwendung dieser durch die Kosmetikindustrie zu beschränken, schreibt die Fondation des Grangettes.
«Diese Studien zu Aluminiumsalzen weisen in eine ähnliche Richtung wie jene zu mittlerweile bestätigten kanzerogenen Substanzen wie Tabak oder Asbest: Substanzen, deren Toxizität ursprünglich unterschätzt oder sogar vollständig ignoriert wurde und die dennoch im Verlauf der Zeit zu einer ausreichend klinisch etablierten Realität geworden sind», geben die Forscher zu denken.

Der Rahmen der durchgeführten Studien

Diese Beobachtungen wurden an einer grossen Stichprobenzahl durchgeführt (rund 300 Zellen pro Versuchsbedingung). Dadurch konnten äusserst zuverlässige statistische Analysen durchgeführt und anerkannte Versuchsmodelle der regulatorischen Humantoxikologie einbezogen werden. 

Aluminium in Kosmetika (noch) erlaubt

In der Schweiz sind Aluminiumsalze in Antitranspiranten erlaubt. Der Bundesrat verabschiedete am 1. Juli 2020 einen entsprechenden Bericht. Nach dem damaligen Wissensstand konnte kein Kausalzusammenhang zwischen dem Aluminium in Antitranspiranten und Brustkrebs nachgewiesen werden. In der Schweiz wie in der Europäischen Union (EU) ist Aluminium in Kosmetika einheitlich geregelt.
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

«Das ist ein erstes Reingrätschen in den privaten Versicherungsmarkt»

Gilt das Bundesgesetz über die Regulierung der Versicherungsvermittlertätigkeit auch für freiwillige Zusatzversicherungen?

image

Covid: Forschende fordern bessere Datenerhebung weltweit

In einem gemeinsamen Kommentar in «Nature» appellieren führende Forschungseinrichtungen an die Staaten der Welt, die Datenerhebung zu Infektionskrankheiten zu verbessern.

image

Unser Gesundheitssystem ist krank – Lösungsvorschläge zur Heilung

Unser Gesundheitswesen ist krank! Die Kosten steigen überdurchschnittlich, was zu einer höheren Belastung von uns Prämienzahlerinnen und Prämienzahlern führt. Die Prämienlast ist für viele und insbesondere für junge Familien zu hoch. Es braucht endlich griffige liberale Massnahmen!

image

Zürcher Forschende entwickeln neue Therapie gegen Fibrose

Wissenschaftlern der Uni Zürich ist es gelungen, Lungen- und Leberfibrosen bei Mäusen zu vermindern. Der Ansatz könnte nun zur Behandlung von Patienten mit Organfibrosen eingesetzt werden.

image

Swissmedic gibt grünes Licht für die erste Covid-19-Prophylaxe

Das Schweizerische Heilmittelinstitut erteilt die Zulassung für die Antikörperkombination von Astrazeneca. Es ist die schweizweit erste medikamentöse Prophylaxe für Covid-19.

image

Interpharma wählt Astra-Zeneca-Präsidentin zur Vorsitzenden des Exekutivkomitees

Die Mitglieder des Branchenverbands haben Katrien De Vos, Länderpräsidentin Astra Zeneca Schweiz, zur Vorsitzenden des Executive Committees gewählt. Das sind ihre Ziele im Gesundheitswesen.

Vom gleichen Autor

image

Schaffhausen: Spitalrat befördert Boris Jung

Die Spitäler Schaffhausen haben den bisherigen Oberarzt zum Leitenden Arzt für ambulante Psychiatrie ernannt.

image

Künstliche Intelligenz: Ärzte setzen Fragezeichen – und stellen Forderungen

Sie verändert das Gesundheitswesen «tiefgreifend» und fordert heraus: die künstliche Intelligenz. Die FMH will diesen Wandel begleiten und setzt mit einer Broschüre ein Zeichen.

image

Annette Ciurea verlässt das Spital Männdorf

Die Ärztin wechselt in die Geschäftsleitung von Age Medical. Dort soll sie mitunter Angebote rund um die Palliative Geriatrie weiterentwickeln.