«Nichtraucher bezahlen rund 25 Prozent tiefere Prämien als Raucher»

Michael Rindlisbacher (66) über die Nischenpolitik der Innova, die Prämien der Spitalversicherungen und warum das mit der privaten Arbeitslosenversicherung nicht funktionierte.

, 25. April 2022 um 22:00
image
Innova in Gümligen war eine normale Krankenkasse, ehe sie vor zehn Jahren die Grundversicherung zum Erstaunen vieler der Visana verkaufte und sich fortan auf Krankenzusatzversicherungen konzentrierte. Michael Rindlisbacher war damals CEO. Heute ist er VR-Präsident. Allerdings nur noch bis zur GV vom Mittwoch. 
Langweilig wird es dem 66-Jährigen auch nach Niederlegung dieses Mandats nicht. Er war stets auch im Schweizer Eishockey engagiert. Seit 2017 ist er Präsident der Swiss Ice Hockey Federation, dem Dachverband des Schweizer Eishockeys. 

Über 7 Jahre VR-Präsident, vorher 26 Jahre CEO, insgesamt 43 Jahre bei Innova. Herr Rindlisbacher, auf was sind Sie im Rückblick besonders stolz?Dass wir es mit der Innova geschafft haben, uns in all den Jahren in einem sehr kompetitiven Umfeld als Nischenplayer erfolgreich zu positionieren. Und dies in einem Verdrängungsmarkt mit wenigen marktbeherrschenden Grossversicherern.

An welche Innovationen denken Sie?Die Nichtraucher-Krankenzusatzversicherung ist bis heute ein USP im Markt sowie die inzwischen von vielen Anbietern kopierte Flex-Deckungen bei der Spitalzusatzversicherung.

Jeder behauptet von sich, erfolgreich zu sein.Schauen Sie sich doch unsere Entwicklung an.

An was denken Sie konkret?Rund 70'000 Privatkunden, davon über 50'000 mit einer Nichtraucher-Krankenzusatzversicherung Sanvita und über 42'000 mit der flexiblen Spitaldeckung Switch. Rund 9'000 Firmenkunden. Verdiente Prämien im Umfang von 94 Millionen Franken. Die Technischen Rückstellungen von über 50 Millionen, welche den von der Finma maximal zugelassenen Umfang entsprechen. 

Zudem haben wir die Risiken auf unseren Kapitalanlagen von über 200 Millionen Franken mit entsprechenden Rückstellungen abgedeckt. Unsere Eigenkapitalquote liegt bei 135 Prozent und das SST Ratio bei rund 330 Prozent - also deutlich über der Mindestvorschrift von 100 Prozent. Innova ist ein grundsolides Unternehmen.

Vor zehn Jahren verkauften Sie Ihr Geschäft mit der obligatorischen Grundversicherung, um sich nur auf Zusatzversicherungen zu konzentrieren. Machten Sie das im Hinblick auf die Abstimmung zur Einführung einer Einheitskrankenkasse?Nein, es zeichnete sich schon früh ein Nein ab. Wir hatten uns schon länger mit der Frage einer Abspaltung der Grundversicherung befasst. 

Warum das?Massgebend war vielmehr, dass wir als Folge der Markteinführung unserer Nichtraucherversicherung bei den Zusatzversicherungen stärker gewachsen sind als im Grundversicherungsgeschäft, wo ein erbitterter Preiskampf tobte. Dies führte dazu, dass der Anteil bei unseren Kunden, die bei Innova nur die Zusatzversicherung abgeschlossen haben, sich ständig erhöht hat.

In der Branche löste das Kopfschütteln aus.Das war nachvollziehbar. Die meisten Mitbewerber hatten eine andere Ausgangslage als wir und wohl auch nicht den Mut zu einem solchen Schritt. Letztendlich bestätigt die Entwicklung der Innova, dass unser Entscheid richtig war.

Sie bezeichneten vorhin Innova als Nischenplayer. Korrigieren Sie mich: Ihre beiden Standbeine, Spitalzusatzversicherungen und kollektive Krankentaggeldversicherungen, sind Massengeschäfte, keine Nischen.Das Alleinstellungsmerkmal der Innova ist das einzigartige Geschäftsmodell. Die eigentlichen Nischen bilden die Fokussierung auf spezifische Kundensegmente, welchen wir entsprechende Versicherungslösungen anbieten. Bei den Privatkunden ist das die Nichtraucher-Zusatzversicherung gekoppelt mit der flexiblen Spitaldeckung. Bei den Firmenkunden liegt der Fokus auf Standardlösungen für Kleinunternehmen sowie Branchenlösungen.

Sie sagten vorhin, auf die Entwicklung der Nichtraucher-Krankenzusatzversicherung besonders stolz zu sein. Wenn aber eine Innovation von Mitbewerbern nicht kopiert wird, fragt man sich als Aussenstehender, ob das wirklich eine gute Idee ist.Bei Innova bezahlen Nichtraucher rund 25 Prozent tiefere Prämien als Raucher für eine identische Spitalzusatzversicherung. Wenn Mitbewerber ebenfalls ein Nichtraucher-Produkt anbieten, besteht das Risiko einer Kannibalisierung  und somit eines Prämienverlustes  der bestehenden Spitalversicherungen, wenn das neue Angebot von den meisten Nichtrauchern gewählt würde.

Was ist so speziell an ihren Flex-Deckungen bei der Spitalzusatzversicherung, die nun - wie Sie sagen - von anderen Anbietern kopiert werden?Bei flexiblen Spitalkostenzusatzversicherungen wählt der Patient vor dem Spitaleintritt, ob er allgemein, halbprivat oder privat liegen möchte. In der halbprivaten und privaten Abteilung ist ein Selbstbehalt zu bezahlen. Dieser wird von den Mitbewerbern in der Regel in Prozent der Kosten mit einer maximalen Obergrenze von einigen tausend Franken angegeben. Doch wer weiss schon, wie hoch die Spitalkosten etwa anfallen? Bei Innova ist der Selbstbehalt für den Versicherten hingegen klar kalkulierbar, da der Selbstbehalt pro Spitaltag in Franken berechnet wird und pro Kalenderjahr auf maximal 30 Tage beschränkt ist.

Spitalzusatzversicherungen - zumindest die Variante halbprivat - ist doch ein Auslaufmodell. Spitalneubauten haben nur noch Zweibettzimmer. Mehr und mehr Eingriffe werden heute ambulant durchgeführt.Die Nachfrage nach unseren Angeboten ist ungebrochen. Mittelfristig wird die Verlagerung von stationären zum ambulanten Bereich und der Druck der Finanzmarktaufsicht zu angemessenen Spitaltarifen dazu führen, dass die Prämien der Spitaldeckungen gesenkt werden können. Deren Attraktivität wird dadurch erhöht. Aktuell arbeiten wir daran. Zudem darf erwartet werden, dass in den Spitälern trotz Ein- oder Zweibettzimmerstrukturen auch künftig Mehrleistungen in der Spitalpflege oder der Arztbehandlung wie auch die freie Arztwahl Bestand haben werden. Diese Leistungen müssen für die Kunden aber transparent und nachvollziehbar sein.

Im September 2020 erklärte Innova, die Prämien für Spitalversicherungen um 20 Prozent zu senken. Zu diesem Zweck hatten Sie 180 Spitälern den Vertrag gekündigt. Wie gings weiter?Inzwischen konnten wir mit den meisten Spitälern neue und günstigere Verträge abschliessen, punktuell laufen noch Gespräche über neue Regelungen. Mit einzelnen Spitälern gibt es keine vertraglichen Regelungen mehr. Dies ist aber für unsere Kunden kein Problem, da wir in allen Regionen über genügend Vertragsspitäler verfügen. Und die Tarife unserer Spitalzusatzversicherungen wurden zu Gunsten unserer Kunden reduziert.

Das entspricht aber nicht dem, was der Kunde unter einer freien Spitalwahl versteht.Spitalzusatzversicherungen ohne Einschränkung der Spitalwahl gibt es im Markt praktisch keine mehr. Dies ist auch eine Konsequenz, der Forderungen der Finanzmarktaufsicht an die Versicherer hinsichtlich Controlling medizinischer Leistungskosten und der Sicherstellung zur Bezahlung angemessener Tarife für Mehrleistungen bei Zusastzverischerungen. Wie dies im Markt üblich ist, gilt auch bei Innova die freie Spitalwahl für Spitäler, mit denen wir einen Vertrag haben. Das ist in unseren Versicherungsbedingungen entsprechend geregelt und wird den Kunden im Rahmen der vorvertraglichen Informationspflicht mitgeteilt. Wenn ein Kunde in ein Spital will, mit dem Innova keinen Vertrag hat, empfehlen wir ihm ein Spital, mit dem wir einen Vertrag haben.

Und wenn der Kunde darauf beharrt, ins Spital seiner Präferenz zu gehen? Zum Beispiel weil sein Arzt dort operiert?Dann machen wir den Kunden darauf aufmerksam, dass wir mit dem entsprechenden Spital keinen Vertrag haben und wir für eine Behandlung ausschliesslich den erlassenen Maximaltarif bezahlen können und ungedeckte Kosten entstehen könnten.

Wenn Innova nun günstigere Verträge abschliessen konnte, müsste sich das in den Prämien niederschlagen. Davon war noch nichts zu sehen.Doch. Die Prämien der Spitalzusatzversicherung Switch konnten auf Anfang 2021 durchschnittlich um 20 Prozent gesenkt werden. Per 2022 wurden zudem die Tarife der Sanvita Halbprivatversicherung gesenkt.

2003 führte Innova eine Arbeitslosenversicherung ein. Sie hätte bei Arbeitslosigkeit die Differenz vom Nettolohn und dem Taggeld versichert. Warum musste sie wieder vom Markt genommen werden?Die Entwicklung des Produkts war ein längerer Prozess. Als das Produkt dann auf den Markt kam, begann die Arbeitslosenquote zu sinken. Sie lag ja vorher bei über 5 Prozent. Der Zeitpunkt der Einführung war somit nicht optimal. Zudem verfügten wir damals nicht über die erforderlichen Vertriebsstrukturen. Inzwischen ist das Thema Arbeitslosigkeit erfreulicherweise nicht mehr gravierend, als sich eine private Ergänzungsversicherung noch lohnen würde.

Wenn ich mich recht erinnere, avisierten Sie damals gutverdienende Personen, die bei einer Arbeitslosigkeit als Folge der Obergrenze des Taggeldes überproportionale Einkommenseinbussen hätten hinnehmen müssen.Das ist richtig. Aber wir hatten klare Ziele definiert. Diese wurden in der gegebenen Frist nicht erreicht, so dass wir das Produkt wieder vom Markt nehmen mussten. 

Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Krankenkassendirektor schlägt vor: Nur noch acht Kassen

Gäbe es viel weniger Kassen, wäre das billiger – und «das Rezept gegen eine Einheitskasse», sagt der Chef der KPT.

image

Grosse Krankenkasse kündet Vertrag mit Genfer Spital

Preisstreit in Genf: Weil das Hôpital de La Tour «missbräuchliche» Tarife verlange, will die Groupe Mutuel nicht mehr zahlen.

image

Der Druck der Finma zeigt Wirkung

Rund 1700 Verträge zwischen Spitälern und Krankenzusatzversicherern müssen laut den neuen Transparenzvorschriften angepasst werden.

image
Gastbeitrag von Tristan Struja und Alexander Kutz

Doch, Privatversicherte beanspruchen mehr Leistungen

Wir sollten nicht bestreiten, dass Zusatzversicherungen eher zu Überversorgung führen. Vielmehr sollten wir das Bewusstsein dafür schärfen.

image

Auch geschrumpfte Sympany verlor Geld

Trotz Stellenabbau: Die Basler Krankenkasse Sympany machte wieder Verlust. Letztes Jahr waren es 58 Millionen Franken.

image
Gastbeitrag von Heinz Locher

Liebe Spitäler: Die Lage darf nicht fatalistisch akzeptiert werden

Hier Krankenkassen, da Spitäler: Das heutige Verhältnis zwischen den Tarifvertrags-Parteien in einem Kernprozess des KVG ist unhaltbar. Und es gäbe auch Alternativen.

Vom gleichen Autor

image

«Genau: Das Kostenwachstum ist kein Problem»

Für FMH-Präsidentin Yvonne Gilli ist klar: Es braucht Kostenbewusstsein im Gesundheitswesen. Aber es braucht keine Kostenbremse-Initiative.

image

Berns Gesundheitsdirektor Schnegg verlangt Unmögliches

Dass die Berner Spitex-Landschaft vor der Einführung von Efas umgekrempelt wird, ist für Betroffene unverständlich.

image

Spitalkrise: Die Schuld der Kantone

Für KSGR-Chef Hugo Keune sind die Krankenkassen schuld an der Spitalmisere. «Jein», sagt Heinz Locher: Die Kantone sind mitschuldig.