30 Jahre auf der Intensivstation - und trotzdem nicht gefragt

Personalnotstand auf der Intensivstation? Von wegen. Das Berner Inselspital verzichtet auf die Dienste einer 61-jährigen Intensivpflege-Fachfrau mit 30 Jahren Berufserfahrung.

, 21. Januar 2022, 21:45
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Es fehlt nicht an Intensivbetten; es fehlt an ausgebildetem Pflegepersonal. In gewissen Spitälern sollen sogar Studierende und die Armee mithelfen, die Kranken zu versorgen. Und ja: Spitäler lassen nichts unversucht, den Personalnotstand zu beheben.
Wirklich? Zumindest im Fall des Berner Inselspitals ist das zu hinterfragen. Die heute 61-jährige Renate Stooss arbeitete knapp 30 Jahre auf der Intensivstation des Inselspitals. Weil sie als Teilzeitmitarbeitende unverhältnismässig oft an Wochenenden im Einsatz war, verliess sie Ende 2014 die Intensivabteilung der Uniklinik und arbeitet seither teilzeitlich für einen Belegarzt als Praxis- und Operationsassistentin.
Doch als so etwas wie der Personalnotstand ausgerufen wurde, meldete sie sich im April 2020 beim Personalpool für Coronaunterstützung. Dem Antragsformular legte sie den CV und all die geforderten Unterlagen bei. Worauf sie ein Mail erhielt mit dem Hinweis, dass noch mehr Angaben zu ihren bisherigen Tätigkeiten benötigt würden.

Personalrekrutierung  outgesourced

Sie fragte, weshalb sie denn all die Unterlagen nochmals einschicken müsse. Das Inselspital wisse doch alles über sie, stand sie doch 29 Jahre und 9 Monate in dessen Dienst. 
Worauf ihr gesagt wurde, dass die Personalrekrutierung für die Coronaunterstützung outgesourced worden sei.
Stimmt das wirklich? «Die Rekrutierung lief respektive läuft über eine Kombination aus HR, Marketing und Klinik», ist vom Inselspital zu erfahren. «Es wurden unter anderem alle bekannten ehemaligen Mitarbeitenden angeschrieben». Beim Einsatz von Pensionierten sei man «allerdings sehr zurückhaltend», da sie gerade zu Beginn der Pandemie zu den am meisten gefährdeten Personengruppen zählten und trotz Impfung noch zählen.

Das Inselspital kennt seine Leute nicht

Renate Stooss ist weder pensioniert noch zählt sie zur Risikogruppe. Vielmehr scheint zuzutreffen, dass das HR seine ehemaligen Pflegefachkräfte nicht kennt. 
Und so liess das Inselspital am 14. April 2020 die diplomierte Intensivpflegefachfrau auf der IPS wissen, dass es noch möglich sei, den Betrieb mit bestehendem Personal aufrecht zu erhalten.
«Sollte sich die Situation ändern, treten wir sehr gerne rechtzeitig mit Ihnen in Kontakt, um Genaueres zu besprechen.»

«Herzlichen Dank. Bleiben Sie gesund»

Am 19. Mai 2020 dann die endgültige Absage: «Die Insel Gruppe dankt Ihnen herzlich für Ihre Hilfsbereitschaft und Ihre Solidarität. Tragen Sie Sorge zu sich und bleiben Sie gesund.» 
Zudem steht in besagtem Schreiben, dass sich 1600 Menschen bei den Spitälern der Insel-Gruppe als Freiwillige gemeldet hätten. Durch die rasche Umstellung und Vorbereitung der Spitalbetriebe auf eine hohe Anzahl an Corona erkrankten Menschen und die bundesweit in Kraft gesetzten Massnahmen seien die befürchteten Kapazitätsengpässe glücklicherweise bislang ausgeblieben.

«Wir kommen gerne auf Sie zurück»

Weiter schreibt das Inselspital: «Die Pandemie ist jedoch noch nicht überstanden. Eventuell werden wir zu einem späteren Zeitpunkt gerne für einen konkreten Einsatz auf Sie zukommen.»
Davon hat Renate Stooss bis jetzt nichts gehört. Könnte es sein, dass die Inselgruppe für die IPS kein zusätzliches Personal benötigt?
Die Medienabteilung des Inselspitals stellt klar: «Es braucht sogar sehr dringend mehr diplomierte Expertinnen und Experten in der Intensivpflege.»

70 Medizinstudierende helfen aus

Das geht soweit – so in der «Berner Zeitung» vom 14. Januar 2022 zu lesen – dass über 70 Medizinstudierende der Uni Bern das Intensivpflegepersonal  des Inselspitals unterstützen. Die Dienste von Studierenden, so muss man annehmen, sind dem Inselspital wertvoller als der Einsatz einer 61-jährigen Intensivpflegefachfrau mit jahrzehntelanger Berufserfahrung.
Weshalb dem so ist, kann die Medienabteilung aus naheliegenden Gründen nicht beantworten. Ihr bleibt zu spekulieren, dass es sich bei der diplomierten Intensivpflegefachfrau um eine Person aus der Risikogruppe handeln könnte. Zudem komme es sehr darauf an, wie lange jemand nicht im Umfeld gearbeitet habe.
Im Brief vom 14. April 2020 hatte es noch geheissen: «Sollte sich die Situation ändern, treten wir sehr gerne rechtzeitig mit Ihnen in Kontakt, um Genaueres zu besprechen.»
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