Long-Covid: Uni Zürich präsentiert Studie mit 500 ungeimpften Rekruten

Milde Covid-Infektionen können vorübergehende Long-Covid-Symptome auslösen. Wie die neue UZH-Studie zeigt, stellen Ausdauerschwäche, erhöhte Cholesterin- oder BMI-Werte eine riskante Konstellation dar.

, 5. September 2022, 13:25
image
Knapp 500 Schweizer Rekrutinnen und Rekruten wurden auf ihre Long-Covid-Folgen untersucht. | Alexander Kühni, VBS
  • forschung
  • universität zürich
  • long covid
Bei der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie wird die Frage nach den längerfristigen Folgen der Infektion immer wichtiger. Wirkt sich Long Covid auch auf zuvor gesunde junge Erwachsene aus? Obwohl diese das Rückgrat der künftigen Erwerbsbevölkerung bilden, sind die mittel- und langfristigen Folgen von Sars-CoV-2-Infektionen bei rund Zwanzigjährigen kaum erforscht.
Bisherige Studien konzentrieren sich in der Regel auf ins Krankenhaus eingelieferte Patienten, auf ältere Menschen oder auf Personen mit Mehrfacherkrankungen; teils beschränken sich die verfügbaren Daten auf ein einzelnes Organsystem.

USZ-Studie mit 500 Rekruten

Eine neue, von der Schweizer Armee finanzierte Studie unter der Leitung von Patricia Schlagenhauf, Professorin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich (UZH), hat nun mögliche Auswirkungen von Long Covid bei jungen Schweizer Militärangehörigen untersucht.
Die im renommierten Fachmagazin «The Lancet Infectious Diseases» erschienene Studie wurde zwischen Mai und November 2021 durchgeführt mit 29 weiblichen und 464 männlichen Teilnehmenden, die im Schnitt 21 Jahre alt und ungeimpft waren.
Davon hatten 177 Teilnehmende eine frühere Covid-19-Erkrankung durchgemacht, die mehr als 180 Tage seit der Diagnose zurücklag. Die Kontrollgruppe bestand aus 251 serologisch negativ-getesteten Personen – die also keine Sars-CoV-2-Infektion hatten. Im Gegensatz zu anderen Studien wurde erstmals eine ganze Reihe von Organsystemen untersucht:

  • kardiovaskuläre,
  • pulmonale,
  • neurologische,
  • ophthalmologische,
  • psychologische und
  • allgemeine sowie
  • die männliche Fruchtbarkeit.

Vorübergehend verminderte Fruchtbarkeit

Die Ergebnisse zeigen, dass sich junge, zuvor gesunde und nicht hospitalisierte Personen von einer leichten Infektion weitgehend erholen. Covid-19 wirkt sich bei ihnen weniger auf mehrere Organsysteme aus als bei älteren, multimorbiden oder hospitalisierten Patienten.
Die Studie zeigt aber auch, dass neuere, selbst leichte Infektionen bis zu 180 Tage lang zu Müdigkeit, vermindertem Geruchssinn, höherer psychischer Belastung und einer kurzfristig negativen Beeinträchtigung der männlichen Fruchtbarkeit führen können.
Bei Infektionen, die vor mehr als 180 Tage stattfanden, waren diese Folgeerscheinungen dagegen nicht mehr signifikant.

Die Risiko-Konstellation

Bei länger zurückliegenden Infektionen verdichteten sich laut Patricia Schlagenhauf zudem die Hinweise auf eine potenziell riskante Konstellation: «Erhöhter BMI, hohe Cholesterinwerte und geringere körperliche Ausdauer deuten auf ein höheres Risiko für Stoffwechselstörungen und mögliche kardiovaskulären Komplikationen hin», wird die Studienleiterin in einer Medienmitteilung zitiert.
«Dies kann sich auf die Gesellschaft und die öffentliche Gesundheit als Ganzes auswirken. Daher sind auch bei jungen Erwachsenen weitere Strategien für eine breit angelegte, interdisziplinäre Bewertung von Covid-19-Folgestörungen, deren Management und Behandlung nötig.»

Aussagekräftige Studie weist den Weg

Neuartig an der in Zusammenarbeit mit mehreren Kliniken des Universitätsspitals Zürich und Labor Spiez durchgeführten Studie ist, dass sie erstmals die Multiorganfunktion bei einer homogenen Gruppe mehrere Monate nach einer Covid-19-Infektion quantitativ bewertet hat.
Durchgeführt wurde dies mit einer empfindlichen, minimalinvasiven Testbatterie. Ein wichtiger Aspekt der Studie ist auch die Kontrollgruppe, bei der mit Hilfe von Bluttests bestätigt wurde, dass die Teilnehmenden keine Exposition mit Sars-CoV-2 hatten.
«Diese Kombination aus einzigartiger Testbatterie, homogener Probandengruppe und einer spezifischen Kontrollgruppe macht diese Studie sehr aussagekräftig in der Evidenzbasis zu Long Covid bei jungen Erwachsenen», fasst Schlagenhauf zusammen.


Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Krebstherapie: St. Galler Forscher erzielt Durchbruch

Lukas Flatz hat gemeinsam mit seinem internationalen Team eine neue, bedeutende Methode entwickelt, um Krebsantigene bei Immuntherapie-Patienten zu erkennen.

image

Long Covid: 17 Millionen Menschen in Europa hatten Symptome

Müdigkeit, mangelnde Konzentration oder Atemnot: Laut einer Analyse der WHO waren mindestens 17 Millionen Menschen von Long-Covid-Symptomen betroffen – überwiegend Frauen.

image

Blutvergiftung: Experten geben nationalen Aktionsplan bekannt

Just zum Welt-Sepsis-Tag von heute Dienstag lanciert ein Schweizer Experten-Gremium einen Aktionsplan, der die Behandlung von Menschen mit Sepsis verbessern soll.

image

Covid: Künstliche Intelligenz soll Mutanten erfassen

ETH-Forschende haben eine neue Methode entwickelt. Diese soll Antikörpertherapien und Impfstoffe hervor bringen, die gegen zukünftige Virusvarianten wirksam sind.

image

ADHS: «Virtual Reality» soll Diagnose präzisieren

In Deutschland arbeitet ein Forschungsteam an einem neuen Ansatz für eine zielgenauere und realistischere Diagnostik von ADHS. Geldgeberin ist die EU.

image

Krebsforschung: Ein Jahresbericht, der ins Auge sticht

Die Stiftung Krebsforschung Schweiz präsentiert den neuen Jahresbericht und beeindruckt unter anderem mit Bildern aus einer verborgenen Körperwelt.

Vom gleichen Autor

image

Schaffhausen: Spitalrat befördert Boris Jung

Die Spitäler Schaffhausen haben den bisherigen Oberarzt zum Leitenden Arzt für ambulante Psychiatrie ernannt.

image

Künstliche Intelligenz: Ärzte setzen Fragezeichen – und stellen Forderungen

Sie verändert das Gesundheitswesen «tiefgreifend» und fordert heraus: die künstliche Intelligenz. Die FMH will diesen Wandel begleiten und setzt mit einer Broschüre ein Zeichen.

image

Annette Ciurea verlässt das Spital Männdorf

Die Ärztin wechselt in die Geschäftsleitung von Age Medical. Dort soll sie mitunter Angebote rund um die Palliative Geriatrie weiterentwickeln.