Heisse Debatte: Dauern manche Psychotherapien zu lange?

Basel will Kranke nicht mehr so lang psychiatrisch behandeln lassen. Eine ganz heikle Forderung, wie die Reaktionen zeigen.

, 5. Januar 2023 um 06:00
image
Bild: Unsplash
Die Zahlen wurden kürzlich bekannt: In den beiden Basel werden rund 20 Prozent mehr Fälle stationär behandelt, als dies anhand der Struktur der Wohnbevölkerung zu erwarten gewesen wäre. Dies zeigte der neue Versorgungsbericht der Gemeinsamen Gesundheitsregion Basel- und Baselland.

Schneller wieder eigenständig

Nun diskutieren die Behörden darüber, ob und wann eine Behandlung überhaupt nötig sei. Schliesslich sei es doch ein Ziel, dass ein Patient wieder sagen könne, dass er gestärkt und eigenständig durchs Leben gehen könne.
In Basel sind es nun nicht mehr nur Gesundheitsökonomen, die der Meinung sind, dass es auch ein Zuviel und Zulange bei Behandlungen geben könne. In der «Basler Zeitung» sagte Matthias Jäger, Leiter der Erwachsenenpsychiatrie in der Psychiatrie Baselland, zum Beispiel unmissverständlich: «Tritt nach einigen Wochen oder Monaten der Behandlung die gewünschte Besserung ein, sollte die Behandlung abgeschlossen werden, sodass der Behandlungsplatz einer anderen Person zur Verfügung steht.»

Therapeuten wehren sich gegen Zweitmeinung

Auch der Verband der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der Region Basel ist der Meinung, dass Therapien nur so lange wie notwendig durchgeführt werden sollen. Allerdings wollen sich die Therapeuten nichts vorschreiben lassen. Die Gesundheitsbehörden der beiden Basel wollen bei länger andauernden, ambulanten Psychotherapien eine Zweitmeinung verlangen. Der Baselbieter Gesundheitsdirektor Thomas Weber stellt nämlich fest, dass es immer wieder Personen gebe, die sehr lange in Therapien bleiben würden.
Doch der Verband findet, dass die Psychotherapeuten selber den Behandlungsbedarf beurteilen könnten. Zweit- und Drittmeinungen seien bloss ein teurer Papierkrieg.

Suizidrate ein messbarer Wert?

Auch der Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) hat sich in die Diskussion eingeschaltet – und zwar als Kritiker von kürzeren Therapien. Therapien seien nicht mit einer Knie-Operationen vergleichbar. Es gebe keine Laborwerte, die Auskunft über den Grad der Heilung geben könnten.
Der VEMS ist allerdings der Meinung, dass es auch in der Psychiatrie sehr wohl Werte und Eckpunkte der Erfolgsmessung gebe, so zum Beispiel die Suizidrate. Diese liege im Kanton Basel-Stadt im unteren Drittel, im Kanton Zürich, wo weniger Psychotherapie gemacht wird, hingegen im oberen.

Sind Krankheitslasten die unerwünschte Folge?

Das sei natürlich kein Beweis, doch wollte ein solcher Kausalzusammenhang auch nicht a priori ausgeschlossen werden. Und kritisch merkt der Verein an: Man glaube ja zu wissen, dass die Medizin im Allgemeinen eher etwas zu viel behandle, ergo seien Behandlungen tendenziell wohl eher unnötig. «Dieses Denken ist populär, doch gefährlich. Wir handeln uns damit Krankheitslasten ein – und nehmen unter Umständen auch vermeidbare Selbstmorde in Kauf.»

Neu: Eine hybride Tagesklinik

Im Februar eröffnet die Klinik Sonnenhalde in Basel eine so genannte «hybride» Tagesklinik. Vor allem junge Erwachsene, die psychisch erkrankt sind, sollen sie künftig nutzen. Therapiert wird unter anderem auch mit «Virtual Reality». Die Patienten verbringen nur jeden zweiten Tag in der Klinik und üben das Erlernte am Folgetag im Alltag. So werden die Patienten weniger aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen.
Wenn die Patienten nicht in der Klinik sind, können sie Videogespräche mit ihren Therapeuten führen und Therapie-Tools auf ihren Tablets nutzen. Das Ziel ist, dass die Patienten zunehmend mehr Zeit ausserhalb der Tagesklinik verbringen können. Was letztlich auch die Kosten senken soll.
Basel will vor allem von der «Rundumbetreuung» wegkommen, da diese besonders teurer ist. In Zahlen: Ein Behandlungstag in einer stationären Klinik kostet 700 Franken. In einer Tagesklinik kostet er nur die Hälfte – weil die Übernachtungskosten wegfallen.
In Zukunft wollen die beiden Basel die Leistungsaufträge an jene Psychiatrien und Kliniken vergeben, die bereit sind, effizienter zu arbeiten, das heisst Tagesaufenthalte, Heimtherapien und digitale Therapien anbieten.

  • politik
  • psychiatrie
  • basel
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Nach Todesfall: Aargau verschärft Regeln für Methadontherapien

Die bisherige Bewilligungspraxis für Opioid-Agonisten-Therapien in Kliniken verstosse gegen Bundesrecht, so ein Gutachten.

image

«Pharma für alle»: Basel soll einen Geldtopf für Medikamente kriegen

In Basel wurde eine Initiative eingereicht, die einen «Pharma-Fonds» verlangt. Daraus würden Projekte finanziert, welche die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln verbessern.

image
Gastbeitrag von Judith Biberstein

Das Anordnungsmodell: Theorie klar, Praxis absurd

Seit Juli 2022 können Psychotherapeutinnen und -therapeuten auf eigene Rechnung über die Grundversicherung abrechnen. Doch das System stellt Pro-Forma-Kontrolle über Vertrauen und Respekt. Ein Erfahrungsbericht.

image

Jetzt definitiv: Sparhammer im Waadtländer Gesundheitswesen

Nach einer mehrstündigen Debatte beschloss das Kantonsparlament in Lausanne, dass Regionalspitäler, Gesundheitszentren, Pflegeheimen und Angehörigenpflege zu sparen.

image

Neubesetzungen im Verwaltungsrat des USB

Das Universitätsspital Basel hat zwei neue Verwaltungsräte: Andreas C. Albrecht und Christoph Jäggi folgen auf Bruno Dallo und Silvia Schenker.

image

Luzerner Regierung stimmt Sterbehilfe-Vorstoss zu

In Luzern soll assistiertes Sterben künftig in allen Pflege- und Sozialeinrichtungen möglich sein – ausgenommen sind Spitäler.

Vom gleichen Autor

image

«Das Inselspital ist noch lange nicht über den Berg»

Das Inselspital wartete mit guten Meldungen auf. Doch der Insel-Kritiker Heinz Locher gibt keine Entwarnung.

image

So entgehen Sie dem Hochstapler-Syndrom

Viele Ärztinnen und Ärzte überfordern sich – und glauben dann selber, dass sie über ihrem Können spielen. Das ist schlecht für die Psyche.

image

Im Schaufenster stehen vor allem unwirksame Medikamente

Bieler Ärzte schlagen eine neue Etikette für rezeptfreie Arzneimittel vor. Sie soll zeigen, wie verlässlich die Wirksamkeit nachgewiesen worden ist.