Gebären im Pavillon – direkt neben dem Spital

Geburtspavillons auf dem Spitalareal sollen hebammengeleitete Geburten in direkter Nähe zur Klinik ermöglichen – ein Modell, das «Geburt 3000» mit der Berner Fachhochschule plant.

, 8. April 2025 um 05:51
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So könnte dereinst ein Geburtspavillon aussehen. Bild: Website/Geburt 3000
Die Geburtshilfe in der Schweiz steht an einem Wendepunkt: Immer mehr Spitäler schliessen ihre Geburtsabteilungen, neue Versorgungsmodelle sind gefragt. Genau hier setzt das Projekt «Geburt 3000» an – initiiert von Fachleuten aus der Geburtshilfe.
Ziel ist es, eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen klinischer und ausserklinischer Geburtshilfe zu erproben – mit hebammengeleiteten Geburtspavillons auf dem Spitalgelände. Damit sollen Versorgungslücken geschlossen und gleichzeitig die Wahlfreiheit von Gebärenden gestärkt werden.
Begleitet wird das Projekt durch ein interdisziplinäres Forschungsteam der Berner Fachhochschule. Dieses stellt nicht nur die wissenschaftliche Evaluation sicher, sondern entwickelt auch ein neues Weiterbildungskonzept: Ab 2026 soll ein CAS «Hebammengeleitete Geburtshilfe» starten, der Theorie und Praxis in der ausserklinischen Geburtshilfe kombiniert.

Partnerspitäler

Finanziert wird das Pilotprojekt durch Stiftungen. Aktuell laufen Gespräche mit drei potenziellen Partnerspitälern. Mit einem Haus steht die Unterzeichnung einer Absichtserklärung kurz bevor, der erste Pavillon soll Anfang 2027 in Betrieb gehen, heisst es auf der Website von Geburt 3000.
Das Wichtigste in Kürze
  • In der Schweiz gebären nur gerade 4 von 100 Frauen in einem ausserklinisch-hebammengeleiteten Setting.
  • Geburt 3000 will dies ändern und die Geburtshilfe neu denken: durch die Zusammenarbeit zwischen ausserklinischer hebammengeleiteter und klinischer Geburtshilfe.
  • Kernstück des Pilotprojekts sind Geburtspavillons, die direkt auf dem Gelände des Partnerspitals stehen, von den Hebammen aber autonom betrieben werden.

Nur 4 von 100 Frauen in der Schweiz gebären derzeit in einem ausserklinischen, hebammengeleiteten Setting. Und das, obwohl Studien zeigen: Frauen mit tiefem Risikoprofil sind damit zufriedener und erzielen bessere gesundheitliche Outcomes (Scarf et al. 2018, Sandall et al., 2024). Warum entscheiden sich dennoch rund 95 Prozent der Frauen für eine Geburt im Spital?
Ein Grund liegt im fehlenden Angebot: Geburtshäuser sind in vielen Regionen schwer erreichbar. Hinzu kommt der Mangel an leicht zugänglicher, fundierter Information. Und nicht zuletzt spielt das Bedürfnis nach medizinischer Sicherheit eine zentrale Rolle. Für viele Frauen ist das Spital der Ort, an dem sie sich im Fall von Komplikationen gut aufgehoben fühlen.

Geburtspavillon

Genau an dieser Stelle setzen die geplanten Geburtspavillons an. Sie sollen auf dem Gelände eines Partnerspitals entstehen, werden aber autonom von Hebammenteams geführt. Gleichzeitig besteht eine enge Anbindung an die Klinik – sowohl räumlich als auch fachlich. So wird eine Versorgung in direkter Nähe zur medizinischen Infrastruktur möglich, ohne dass Frauen auf ein selbstbestimmtes Geburtserlebnis verzichten müssen.
Im Zentrum steht dabei eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen inner- und ausserklinischer Geburtshilfe. Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation soll den Alltag prägen – mit dem Ziel, voneinander zu lernen und das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

Salutogenese als Leitprinzip

Das Projekt versteht Schwangerschaft und Geburt als gesunde, physiologische Ereignisse. «Mit Geburt 3000 wollen wir den Fokus primär weg vom Kranken hin zum Gesunden legen», sagt Projektleiterin Renate Ruckstuhl-Meier.
Entsprechend orientieren sich sowohl die Betreuung der Schwangeren als auch die bauliche Gestaltung der Geburtspavillons an salutogenetischen Prinzipien. Geplant sind nutzerzentrierte Räume nach dem Konzept der «healing architecture» – sie sollen Geborgenheit und Sicherheit ausstrahlen und so den natürlichen Geburtsverlauf fördern.
Muri, Thusis, Frutigen, Cham: Reihenweise schliessen Spitäler ihre Geburtenabteilungen. Für den Hebammenverband ist klar: Es braucht neue Modelle – und tragfähige Strukturen.

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