Kathrin Neuhaus, das Universitäts-Kinderspital Zürich hat mehrere Jugendliche aus dem Wallis aufgenommen. In welchem klinischen Zustand trafen die Patientinnen und Patienten bei Ihnen ein?
Eingetroffen sind die Patientinnen und Patienten alle in einem den Umständen entsprechenden stabilen, aber insgesamt aufgrund der Verletzungen kritischen Zustand.
Welche Fachrichtungen arbeiten am Kispi besonders eng zusammen, wenn mehrere Schwerstverbrannte gleichzeitig behandelt werden?
Das ist eine lange Liste von Disziplinen: Plastisch-Rekonstruktive Chirurgie, Intensivmedizin, Anästhesie (alle jeweils Pflege und Ärzteteams), Ergotherapie, Physiotherapie, Ernährungsberatung, Psychologie, Sozialarbeit, Kindergarten/Schule, Orthopädietechnik, Otorhinolaryngologie, Gastroenterologie und dann häufig zusätzlich weitere je nach Verlauf wie Viszeralchirurgie etc.
Welche Entscheidungen der ersten Tage und Wochen haben aus Ihrer Erfahrung den grössten Einfluss auf den langfristigen Heilungsverlauf – insbesondere bei jungen Menschen?
Anfangs geht es bei allen Schwerbrandverletzten darum, die Flüssigkeitstherapie richtig zu steuern. Es braucht viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, um hier genau das richtige Mass zu finden. Sowohl zu viel wie auch zu wenig ist gefährlich für den Patienten. Zudem benötigen die Organsysteme in dieser Phase eine umfassende Unterstützung. Die moderne Intensivmedizin ist hier zentral. Entscheidend für den weiteren Verlauf ist es, die tief verbrannte Haut bei den Schwerstbrandverletzten so frühzeitig wie möglich zu entfernen. Dies erfolgt oft in mehreren operativen Schritten. Das hilft dem geschwächten Körper, die schwere Entzündungsreaktion in den Griff zu bekommen.
Kathrin Neuhaus ist Chefärztin der Abteilung Plastisch-Rekonstruktive Chirurgie und Leiterin des Zentrums für brandverletzte Kinder am Universitäts-Kinderspital Zürich.
Was passiert danach?
Anschliessend müssen die entstandenen Wunden in weiteren Operationen durch Eigenhaut gedeckt werden. Für die Genesung der Patientinnen und Patienten spielt auch die frühzeitige Ernährung eine zentrale Rolle, selbst wenn sie über eine Sonde erfolgt. Ebenso entscheidend ist es, Infektionen rasch zu erkennen und gezielt zu behandeln. Die Patienten sind durch den Verlust der Hautoberfläche als Schutz einem hohen Risiko für Infektionen ausgesetzt. Hinzukommen Risiken, die mit der notwendigen intensivmedizinischen Behandlung zwangsläufig kommen wie Lungenentzündungen durch die künstliche Beatmung oder auch Infektionen im Blut im Rahmen der notwendigen Katheter.
Wie geht es den Jugendlichen jetzt?
Das ist sehr individuell und abhängig vom Verletzungsausmass und den betroffenen Hautpartien, sowie auch vom bisherigen Verlauf. Die schwerstverletzten Jugendlichen, die sich auch weiterhin auf der Intensivstation befinden, sind immer noch in einem kritischen Zustand.
Wie lange werden sie voraussichtlich noch in Zürich behandelt?
Sie werden noch über einige Monate im Spital behandelt werden müssen. Anschliessend ist voraussichtlich eine stationäre Rehabilitationsbehandlung notwendig, die erneut Wochen bis Monate andauern wird. Andererseits sind bereits die ersten Jugendlichen, die nicht ganz so ausgedehnte Verbrennungen hatten, seit einigen Tagen auf der Normalstation und jetzt schon kurz davor, nach Hause entlassen zu werden. Für sie ist dann eine ambulante Weiterbehandlung und -betreuung notwendig.
«Die Patienten sind durch den Verlust der Hautoberfläche als Schutz einem hohen Risiko für Infektionen ausgesetzt.»
Nach welchen Kriterien beurteilen Sie bei schwerstverbrannten Kindern und Jugendlichen den Behandlungserfolg?
In der Akutphase geht es letztlich darum, die tief verletzte Haut so schnell wie möglich zu ersetzen und dies mit der bestmöglichen Qualität. Ein zentrales Ziel ist, dass die Patienten so früh wiemöglich nicht mehr auf die Unterstützung von Beatmungsgeräten und Medikamenten für das Herz-Kreislaufsystem angewiesen sind. Danach schauen wir, dass die Patienten mobilisiert werden, um selbständig essen und trinken zu können.
Und auf lange Sicht?
Langfristig betrachtet misst sich der Behandlungserfolg daran, wie gut am Ende die Funktion ist und in zweiter Linie – aber natürlich wichtig – an der erreichten Ästhetik. Ziel ist die Rückkehr in den Alltag und die Fähigkeit, sich komplett selbst versorgen zu können und auf nichts verzichten zu müssen, ein weitgehend normales Leben. Die Erreichbarkeit dessen ist natürlich auch wieder stark abhängig davon, wie schwer die Patientinnen und Patienten verletzt wurden, an welchen Körperstellen die Verbrennungen liegen und welche Unterstützung sie aus ihrem Umfeld haben.
Welche funktionellen Probleme stehen nach der Akutphase bei jungen Menschen im Vordergrund und wie früh müssen diese therapeutisch adressiert werden?
Letztlich sind die tiefen Verbrennungen, die über Gelenke gehen bezüglich der Funktion am kompliziertesten. Narben sind prinzipiell steifer, was die Beweglichkeit von Gelenken einschränken kann. Daher bewegen wir die Patienten und ihre Gelenke möglichst früh, selbst wenn sie noch im künstlichen Koma liegen. Das ist wichtig. Wer sich nicht bewegt, versteift – auch ohne Narben. Die Patienten haben deshalb von Anfang an Physiotherapie und wenn die Hände verletzt sind auch Ergotherapie. Das beginnt schon auf der Intensivstation und zieht sich über den gesamten Aufenthalt im Spital weiter. Anschliessend genauso in der stationären Reha oder ambulant. Die Therapien sind oft mindestens während einem ganzen Jahr nach dem Unfall notwendig.
«Die Patienten haben von Anfang an Physiotherapie und wenn die Hände verletzt sind auch Ergotherapie.»
Brandverletzungen betreffen nicht nur die Haut, sondern auch die Psyche. Wie integrieren Sie psychologische Betreuung in die Akut- und Rehabilitationsphase?
Das Team der Psychologinnen und Psychologen ist im Kinderspital ein fixer Bestandteil des sogenannten interdisziplinären Verbrennungsteams. Alle Patienten und deren Angehörige haben von Anfang an Kontakt zu den Psychologen. Das ist ganz wichtig. Und natürlich geht die Betreuung, wenn notwendig über die Akutphase hinaus: Sie wird in der Rehabilitation fortgesetzt oder auch ambulant nach der Entlassung.
Bei grossflächigen Verbrennungen wird Haut rasch zur knappsten Ressource. Welche Chancen bieten neue Technologien wie gezüchtete Hautzellen oder Stammzellentherapie?
Haut aus dem Labor ist sehr wichtig. Oftmals reicht die unverletzte Haut nicht aus, um so schnell, wie man es eigentlich möchte, die Wunden mit Eigenhaut zu decken. Man kann schon seit über 40 Jahren Haut züchten, dabei werden vor allem die obersten Hautzellen im Labor vermehrt und zu sogenannten Sheets zusammengestellt. Dies ist eine Standardmethode, die wir bei Schwerbrandverletzten regelmässig zusätzlich zu den direkten Hautransplantationen anwenden.
Woher kommen diese Hauttransplantate?
Diese Haut wird generell für unsere Patienten in Lausanne gezüchtet. Sie kann gut eingesetzt werden, ist aber insgesamt recht dünn und verletzlich. Um die Qualität von gezüchteter Haut zu verbessern, wurde über die letzten Jahrzehnte am Kinderspital ausserdem von Grund auf an der Entwicklung eines mehrschichtigen Hautersatzes sehr erfolgreich geforscht. Dieser konnte schon im Rahmen von ersten Studien an Patientinnen und Patienten im Kinderspital und an anderen Spitälern europaweit erfolgreich eingesetzt werden. Eine der zentralen Forschungsaufgaben meiner Abteilung ist es aktuell, diesen Hautersatz noch weiterzuentwickeln und zu optimieren.
Kommen diese innovativen Verfahren bei den Jugendlichen aus Crans-Montana zum Einsatz?
Grundsätzlich ist es immer eine individuelle Entscheidung und nicht bei allen Patienten sinnvoll und notwendig, Zuchthaut einzusetzen. Aber Ja, es ist so vorbereitet und einsatzbereit. Von der Entnahme der Hautproben bis zur Auflage der gezüchteten Haut dauert es jeweils mehrere Wochen, solange dauert die Züchtung im Labor.
Wie ergänzen diese traditionelle Verfahren?
Die Kombinationen mit den Standardverfahren ist kein Problem, sogar notwendig. Es ist eine zusätzliche Option. Zu Beginn erstellt das Behandlungsteam für jeden Schwerbrandverletzten einen detaillierten individuellen chirurgischen Behandlungsplan, der festlegt, welche Körperbereiche in welcher Reihenfolge mit Eigenhaut gedeckt werden sollen.
Die Brandkatastrophe im Wallis hat national und international grosse Anteilnahme ausgelöst. Inwiefern beeinflusst diese öffentliche Aufmerksamkeit Ihre tägliche Arbeit?
Wir haben sehr viel Solidarität gespürt und erfahren – sowohl von Kolleginnen und Kollegen als auch aus der ganzen Bevölkerung. Wir bekommen zum Beispiel viele Karten mit Zuspruch und guten Wünschen. Das bedeutet uns sehr viel - das trägt uns, gibt Kraft und hilft enorm. Gerade in dieser intensiven und anstrengenden Zeit für die Teams tut uns diese Unterstützung gut und ist schön zu sehen.
«Wir haben sehr viel Solidarität gespürt und erfahren – sowohl von Kolleginnen und Kollegen als auch aus der ganzen Bevölkerung.»
Wo sehen Sie die grössten präventiven Hebel, um schwere Brandverletzungen bei Kindern und Jugendlichen künftig zu verhindern?
An sich haben wir in der Schweiz schon jetzt sehr gute Brandschutzvorschriften, die gut greifen, wenn sie eingehalten werden. Das haben wir auch daran gesehen, dass die Zahl schwerer Brandverletzungen in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise klar abgenommen hat. Leider ist das jetzt aktuell anders mit dem schweren Unglück in Crans-Montana. Ich denke, die aktuellen Diskussionen über Brandschutzvorschriften und deren Einhaltung sowie über Feuerwerke in Innenräumen sind sehr wichtig. Sie können hoffentlich dazu beitragen, das Risiko für solche schlimmen Ereignisse in Zukunft zu verringern.
Welche Verantwortung haben spezialisierte Zentren wie das Kinderspital Zürich aus Ihrer Sicht auch jenseits der Behandlung, etwa in Beratung, Aufklärung oder politischer Präventionsarbeit?
Als Expertinnen und Experten übernehmen wir eine sehr wichtige Rolle in der Prävention. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder Präventionskampagnen lanciert und Aufklärung in den Medien betrieben. Beispiele dafür sind Hinweise zur sicheren Verwendung von Brennpaste statt Brennspirit, die Sensibilisierung für die Gefahren der Heisswasser-Inhalation bei Erkältungskrankheiten sowie allgemeine Empfehlungen, wie sich im Haushalt mit Kleinkindern - thermische Verletzungen vermeiden lassen.