Sind Blutdruckmedikamente bei sehr alten Pflegeheimbewohnern mit niedrigen Werten noch sinnvoll? Eine neue Studie aus Frankreich liefert dazu wichtige Orientierung für die Praxis.
In der multizentrischen RETREAT-FRAIL-Studie wurden 1048 Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner ab 80 Jahren randomisiert. Das Durchschnittsalter lag bei 90 Jahren, rund 80 Prozent waren Frauen.
Ein Grossteil wies eine moderate bis schwere Gebrechlichkeit (Frailty) sowie kognitive Einschränkungen auf (MMSE score bei 13,4). Alle Teilnehmenden hatten einen systolischen Blutdruck unter 130 mmHg und nahmen mindestens zwei Antihypertensiva ein.
Die Teilnehmenden wurden zufällig zwei Strategien zugeteilt:
- strukturierte Reduktion der Blutdruckmedikation (schrittweise, nach festem Protokoll)
- übliche Versorgung ohne gezielte Absetzstrategie
Die Nachbeobachtungszeit betrug im Median gut drei Jahre.
Keine relevanten Unterschiede
In der Studie starben während der Nachbeobachtungszeit:
- 326 von 528 Personen (61,7 %) in der Gruppe mit schrittweiser Reduktion der Antihypertensiva
- 313 von 520 Personen (60,2 %) in der Gruppe mit üblicher Behandlung
Grafik: Benetos et al. (2025)
Auch bei den sekundären Endpunkten zeigten sich keine relevanten Unterschiede:
- keine Zunahme von kardiovaskulären Ereignissen
- keine Zunahme von Stürzen oder Frakturen
- keine Verschlechterung von Kognition, Funktion oder Lebensqualität
Übertherapie vermeiden
In einer aktuellen Analyse ordnet die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft die Ergebnisse klar ein:
«Bei gebrechlichen Pflegeheimbewohnern mit systolischem Blutdruck unter 130 mmHg verbessert eine Reduktion der antihypertensiven Therapie das Überleben nicht, ist aber voraussichtlich sicher.»
Entscheidend sei deshalb, die antihypertensive Therapie nicht primär am Alter, sondern am Frailty-Status auszurichten:
- Fitte ältere Menschen: Blutdrucksenkung bleibt prognostisch sinnvoll.
- Gebrechliche Pflegeheimbewohner mit gut kontrolliertem Blutdruck: Deprescribing kann angebracht sein.