«Das teuerste Szenario ist, die Pflegeinitiative nicht umzusetzen»

«Maximal enttäuscht und irritiert» – so reagierte Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des SBK, auf den Entscheid der Gesundheitskommission des Nationalrats, die Pflegeinitiative weiter abzuschwächen.

, 27. Januar 2026 um 16:33
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Frau Ribi, vor rund einem Monat hat die Gesundheitskommission des Nationalrats entschieden, zentrale Elemente der Pflegeinitiative deutlich abzuschwächen. Wie haben Sie diesen Entscheid aufgenommen?
Ich bin maximal enttäuscht und irritiert darüber, dass sich die Mehrheit der SGK überhaupt für Verschlechterung dieses eh schon mageren Vorschlages des Bundesrates ausgesprochen hat. Alle Mitglieder der Gesundheitskommission wissen, wie wichtig es ist, die Pflegenden im Beruf zu halten, um den Fachkräftemangel zu entschärfen. Das Streichkonzert der SGK ist aus pflegerischer Versorgungssicht unverantwortlich und es missachtet den Volkswillen.
Glauben Sie noch daran, dass die Pflegeinitiative ihr ursprüngliches Versprechen einlösen kann?
Ja. Aber es ist ein Verfassungsauftrag und kein Versprechen! Die Politiker und Politikerinnen müssen den Verfassungsartikel «Pflege» endlich in griffige Gesetze giessen, um die Pflegenden im Beruf zu halten. Sie können bereits im Februar Korrekturen vornehmen.
«Es ist doch ein ökonomischer Unsinn, wenn wir über 30 Prozent von bestens ausgebildeten Fachkräfte nach 2 bis drei Jahren wieder verlieren.»
Die Kommission begründet ihren Entscheid mit zu hohen Kosten und der Befürchtung, der Fachkräftemangel könnte sich verschärfen. Was entgegnen Sie diesen Argumenten?
Das teuerste Szenario ist, die Pflegeinitiative nicht umzusetzen. Es ist doch ein ökonomischer Unsinn, wenn wir über 30 Prozent von bestens ausgebildeten Fachkräfte nach 2 bis drei Jahren wieder verlieren! Erfahrungen zeigen, dass beispielsweise eine Senkung der Wochenarbeitszeit positive Effekte hat. Die Pflegenden sind gesünder, zufriedener mit den Arbeitsbedingungen und planen seltener, die Stelle oder gar den Beruf zu wechseln. Das spart Geld! Und es entschärft den Fachkräftemangel.
Ist der Personalmangel in der Pflege aus Ihrer Sicht längst eine politisch akzeptierte Realität geworden? Vielleicht von der politischen Mehrheit, aber nicht von Allen. Viele sehen, was die Pflegenden in den Heimen, in der Spitex, in Spitälern und anderen Einrichtungen tagtäglich leisten. Und sie sehen auch, dass sich die Arbeitsbedingungen dringend verbessern müssen, damit die Pflegenden nicht aussteigen und ausbrennen. Dass es an vielen Ort «grad noch so geht» ist dem Effort der Pflegenden zu verdanken.
Droht das System gerade eine ganze Generation gut ausgebildeter Pflegefachpersonen zu verlieren, weil Arbeitszeitmodelle nicht zur Lebensrealität passen? Ja, ganz eindeutig. Wenn gut ausgebildete Pflegefachpersonen mangels Vereinbarkeit den Beruf verlassen müssen, ist das ein systemisches Versagen, das sich die Schweiz nicht leisten kann.
«Sie können sich vorstellen, dass wir uns mit der Frage zu einem Streik sehr schwertun. Einerseits wäre ein solcher wohl das wirksamste Mittel, um bessere Arbeitsbedingungen zu erstreiten.»
In den Spitälern zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild: Manche leiden stark unter Fluktuation, andere halten ihr Pflegepersonal. Woran liegt dieser Unterschied aus Sicht des SBK? Der Unterschied liegt vor allem in den Arbeitsbedingungen und in der Haltung der Führung. Spitäler, die ihr Personal ernst nehmen, investieren in verlässliche Dienstpläne, Mitspracherechte, Entwicklungsmöglichkeiten und pflegen eine Kultur der Wertschätzung. Dort bleiben die Menschen. Wo Pflegefachpersonen hingegen dauerhaft überlastet sind und kaum Einfluss auf ihre Arbeitszeiten haben, steigt die Fluktuation zwangsläufig.
Was ärgert Sie aktuell mehr: die Haltung der Politik oder die Trägheit mancher Spitalleitungen? Beides. Die Politik, weil sie trotz klarer Volksabstimmung zögert und verwässert. Und gewisse Arbeitgeber, die auf ihre Selbstbestimmung pochen und keine gesetzlichen Vorgaben wollen – das sind genau diejenigen, die es jahrelang verpasst haben, wirksame Massnahmen gegen den Fachpersonalmangel zu ergreifen. Denn hätten sie es getan, wären wir nicht in dieser Situation.
Braucht es am Ende Streiks oder Arbeitsniederlegungen, damit die Pflege politisch ernst genommen wird? Sie können sich vorstellen, dass wir uns mit der Frage zu einem Streik sehr schwertun. Einerseits wäre ein solcher wohl das wirksamste Mittel, um bessere Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Andererseits würde uns ein solches Vorgehen vor grösste moralische und ethische Fragen stellen. Klar ist aber auch, dass es verschiedene Formen des Arbeitskampfes gibt. Und sollte die Politik keine echten und wirksamen Verbesserungen beschliessen, so werden wir solche Massnahmen mit unseren Mitgliedern diskutieren.
Was sagen Sie jungen, motivierten Menschen, die heute eine Pflegeausbildung beginnen – mit Blick auf die aktuellen politischen Entscheide?
Ihr habt einen unglaublich wichtigen und tollen Beruf gewählt, der vollste Unterstützung verdient. Wir kämpfen dafür, dass sich Engagement, Ausbildung und Verantwortung auch in guten Arbeitsbedingungen widerspiegeln. Die Pflege braucht euch und wir werden nicht aufgeben, bis sich die Rahmenbedingungen verbessern.
Wenn Sie einen Entscheid der Politik oder der Spitalleitungen sofort ändern könnten: Was würde Pflegefachleute am ehesten im Beruf halten?
Ich würde alle Massnahmen befeuern, die dazu führen, dass die Pflegenden genügend gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen auf den Schichten haben und Arbeitsbedingungen vorfinden, die es ihnen erlauben ein Berufsleben lang engagiert und gesund im Beruf zu bleiben.
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