Spitalstruktur neu gedacht: Viel weniger ist mehr

Die Patienten akzeptieren längere Anfahrtswege – wenn die Qualität im entfernten Spital besser ist. Mit dieser Einsicht liesse sich die Spitalplanung revolutionieren. Eine Modellrechnung aus Deutschland.

, 18. März 2025 um 06:25
letzte Aktualisierung: 22. August 2025 um 07:27
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Thoraxchirurgischer Eingriff: Braucht es dafür Dutzende Kliniken?  |  Bild: NIH
Wie weit würden Sie reisen, wenn bei Ihnen ein Lungenkarzinom entfernt werden müsste? Und wie viel weiter würden Sie fahren, wenn dies mit besserer Behandlungsqualität verbunden wäre?
Mit solchen Fragen erarbeitete ein deutsches Institut jetzt ein Modell für eine optimale Spitalplanung. Dabei zeigte sich, dass der ideale Mix mit dramatisch weniger Krankenhäusern als heute zu erreichen wäre. In Zahlen: Momentan sind in Deutschland 142 Krankenhäuser in der Lage, eine thoraxchirurgische Behandlung des Lungenkarzinoms durchzuführen. Um den optimalen Wert zwischen Annehmlichkeit und Qualität zu erreichen, würden 19 spezialisierte Spitäler genügen.
Konkret erarbeitete das Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung ein «wohlfahrtsbasiertes Versorgungsplanungsmodell». Dieses berücksichtigt einerseits die geografische Erreichbarkeit, andererseits die Entfernungs-Ansprüche der Bürger sowie drittens die Ergebnisqualität der Kliniken.

Gesucht: «Wohlfahrtsoptimale» Versorgung

Das Institut – ein Ableger der Barmer Krankenkasse – nahm als Musterfall die thoraxchirurgische Behandlung des Lungenkarzinoms: Denn dies ist ein Eingriff, bei dem typischerweise ein Zusammenhang zwischen der Fallmenge und der Ergebnisqualität besteht.
Auf der anderen Seite liess das Barmer Institut eine repräsentative Auswahl von gut 1’000 Bürgerinnen und Bürger befragen: Wären Sie bereit, länger als eine Stunde zu fahren, wenn in der entfernten Klinik eine höhere Ein-Jahres-Überlebensrate erreicht würde? Oder sogar zwei Stunden? In der Tat (und wenig überraschend) zeigte sich eine grosse Bereitschaft dafür. Erst wenn der Anfahrtsweg deutlich über zwei Stunden dauern würde, sank die Bereitsschaft deutlich.

19 statt 142 Kliniken

Auf der anderen Seite bedeuten weniger Spitäler höhere Fallzahlen in der einzelnen Kliniken. Höhere Fallzahlen wiederum bedeuten bessere Überlebensraten.
Mit der Umfrage sowie Daten zu den Ein-Jahres-Überlebensraten errechneten die Barmer-Forscher dann mehrere Szenarien: Damit zeichneten sie eine «wohlfarts-optimale» Versorgungslandschaft. Und diese Landschaft kam mit drastisch weniger Spitälern aus: Die besten Szenarien fanden sich im Bereich von 15 bis 22 Standorten in ganz Deutschland. «Das Szenario mit dem höchsten Wohlfahrtswert hatte 19 Standorte», heisst es in der Studie. «Die durchschnittliche Reisezeit stieg von 40 auf 54 Minuten und die Überlebensrate stieg von 89,1% auf bis zu 93,6%.»
Erstaunlich dabei: Mit diesem Rahmen liesse sich – zumindest auf der grünen Planungswiese – eine Spitalstruktur ausdenken, bei der die durchschnittliche Fahrzeit der Lungenkrebs-Patienten bloss 14 Minuten höher wäre als heute, obschon die Zahl der Standorte um fast 90 Prozent reduziert wäre. «Für alle Patientinnen und Patienten in Deutschland wäre eine solche Versorgungslandschaft für diese Behandlung wohlfahrtsoptimal», lautet ein Fazit der Studie.

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