Es ist ein Spezialproblem der alternden Gesellschaft: Die medikamentöse Versorgung multimorbider Menschen schafft neue Komplikationen. Potenziell unangemessene Verschreibungen häufen sich eher – was wiederum gesundheitliche Probleme und Mehrkosten schafft.
Doch wie verbreitet sind solche «potentially inappropriate prescriptions»? Eine neue internationale Studie nutzte vorhandene Daten, um Trends und Risikofaktoren solcher Medikationsfehler zu finden. Und sie macht deutlich, dass unangemessene Verschreibungen in der Geriatrie extrem verbreitet sein dürften.
Konkret wurden Daten von 1045 Personen im Alter über 70 Jahren analysiert, die mindestens drei chronische Erkrankungen und fünf oder mehr verordnete Medikamente hatten. Die Patienten waren in grossen europäischen Spitälern aufgenommen worden, darunter das Inselspital. Für jeden Patienten wurde zu mehreren Zeitpunkten erfasst, welche Medikamente verschrieben waren – vom Eintritt bis 12 Monate nach der Entlassung. Dann beurteilten die Autorinnen und Autoren, ob diese Verschreibungen laut den
STOPP/START-Kriterien korrekt oder aber unangemessen waren.
Bereits bei der Aufnahme hatten 88 Prozent der Patienten mindestens eine unangemessene Verschreibung, 63 Prozent mindestens eine potenziell unangebrachte Medikation sowie 72 Prozent eine potenzielle Verschreibungslücke.
Besonders hoch war das Risiko bei Patienten mit
- Hyperpolypharmazie (mehr als 10 Medikamente),
- kognitiver Beeinträchtigung,
- höherem Alter,
- weiblichem Geschlecht,
- einer Vorgeschichte von Stürzen,
- mehreren Begleiterkrankungen.
Insgesamt blieb die Häufung der unangemessenen Verschreibungen im beobachteten Zeitraum stabil. Allerdings gab es auf der individuellen Ebene viel Veränderung: Viele Patienten erlebten Zu- oder Abnahmen in der Anzahl der unangemessenen Verschreibungen. So stieg im Spital die Nutzung bestimmter Neuroleptika bei Sturzrisiko, während der langfristige Einsatz von Benzodiazepinen sank. Gleichzeitig erhöhten sich in einigen Fällen Unterversorgungen, etwa für Herz-Kreislauf-Medikamente.
Gezielte Ansprache nötig
«Die erhebliche Belastung durch potenziell unangemessene Verschreibungen unterstreicht die Notwendigkeit stetiger, strukturierter Medikamentenüberprüfungen bei multimorbiden älteren Menschen mit Polypharmazie», schreibt das Forscherteam in seiner «Conclusion». «Diese Überprüfungen sollten sowohl Über- als auch Unterverschreibungen berücksichtigen. Die gezielte Ansprache von Risikogruppen – wie Bewohnern von Pflegeheimen, Personen mit Hyperpolypharmazie, fortgeschrittenem Alter oder kognitiven Beeinträchtigungen – und die Fokussierung auf die variabelsten und klinisch relevantesten potenziell unangemessenen Verschreibungen können die Wirksamkeit der Interventionen verbessern.»
- Deprescribing bei Hochbetagten: Bei sehr alten, gebrechlichen Pflegeheimbewohnern können Blutdruckmedikamente schrittweise reduziert werden. Dies führt nicht zu mehr Todesfällen oder Stürzen.