«Die Pflege ist für ein funktionierendes Gesundheitswesen zentral», hält der Krankenkassenverband Santésuisse in einer Mitteilung fest. Keine überraschende Festststellung. Der Schluss, den der Verband daraus zieht, ist allerdings ungewöhnlich: Genau deshalb – weil sie eben zentral sind - sollten Pflegefachleute nicht bessergestellt werden. Das sei «unnötig, teuer und gefährlich».
Unkontrollierbare Mengenausweitung?
Ursprünglich wollte der Nationalrat für Pflegefachpersonen einen Sonderstatus schaffen: Sie hätten mehr Kompetenz erhalten beim Abrechnen ihrer Leistungen. Einfachere Pflege könnten sie an weniger gut qualifiziertes Personal delegieren. Die Gesundheitskommission des Ständerats befürchtet aber, dass das Pflegepersonal dann auch mehr Leistungen in Rechnung stellen würde.
Santésuisse ist deshalb froh, dass die Kommission künftig bloss jene Pflegefachpersonen, Spitexorganisationen und Pflegeheime so abrechnen lassen will, die mit den Krankenversicherern vorgängig eine Vereinbarung abgeschlossen haben. Das sei eine «Sicherung gegen unkontrollierbare Mengenausweitungen.»
Genug Personal und ein Lohn mit guten Mittelfeld
Santésuisse fürchtet, dass die Pflege in den kommenden Jahren so oder so Milliarden von Franken mehr kosten werde. Und zwar nicht nur deshalb, weil die Zahl der älteren Menschen zunehme.
Die Schweiz habe im Vergleich mit anderen Ländern bereits jetzt überdurchschnittlich viel Pflegepersonal im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Und dieses Personal habe Löhne «im guten Schweizer Mittelfeld».
Ernüchterung beim Berufsverband
Ganz anders als Santésuisse bewertet der Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK) den Entscheid der Ständeratskommission: «Ernüchternd» sei er, teilt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des SBK, mit. Weil die Pflegefachpersonen nur dann mehr Kompetenzen beim Abrechnen erhalten sollen, wenn sie mit den Krankenkassen eine Vereinbarung abschliessen, komme das einer Aufhebung des Vertragszwangs gleich, kritisiert der SBK.
Yvonne Ribi vermisst im Entscheid der Kommission ausserdem jene Massnahmen, die dafür sorgen sollen, dass die ausgebildeten Pflegenden länger im Beruf bleiben. «Aktuell steigen 46 Prozent der Pflegenden während dem Erwerbsleben aus dem Beruf aus, die meisten wegen emotionaler Erschöpfung», sagt Yvonne Ribi.
Für die Ausbildung gibt es 100 Millionen Franken mehr
Immerhin: Die ständerätliche Gesundheitskommission will unter dem Eindruck der Corona-Pandemie nun doch 100 Millionen Franken zusätzlich für die Ausbildung des Pflegepersonals bewilligen, wie Medinside
hier berichtete. Eine Ausbildungsoffensive allein reiche jedoch nicht, wenn fast die Hälfte wieder aus dem Beruf aussteigt, führt Yvonne Ribi ins Feld. Und: «Ein Rückzug der Initiative scheint immer weiter weg zu rücken.»