Bald braucht es wohl keine Radiologen und Pathologen mehr

Wie verändert Artificial Intelligence die Gesundheitsbranche? Wohl massiv. Laut Experten könnten in wenigen Jahren ganze Fachrichtungen verschwinden. Mit positiven Folgen für die Gesundheitskosten.

, 23. Januar 2017, 07:13
image
  • trends
  • e-health
  • radiologie
  • pathologie
Zu den Spezialisten, die wegen ihrer hohen Einkommen öfters in Kritik geraten, gehören bekanntlich die Radiologen. Aber gerade dadurch zeigt uns dieser Fachbereich beweist vielleicht bald etwas ganz anderes – nämlich wie man die Gesundheitskosten auch dank Technik dämpfen kann.
Ein bemerkenswerter Fachbeitrag im «New England Journal of Medicine» prognostiziert jedenfalls, dass die Radiologen sehr bald ohnehin verschwinden: Wir haben es, so die These, mit einer Fachrichtung zu tun, die weitgehend eingespart werden kann.
Der Beitrag, verfasst von Ziad Obermeyer (Harvard Medical School/Brigham and Women's Hospital sowie Ezekiel Emanuel (University of Pennsylvania) dreht sich eigentlich um die Frage, wie sich Artificial Intelligence auf den medizinischen Alltag auswirken wird. Die beiden AI-Medizin-Forscher kommen – wenig überraschend – zum Schluss, dass alle Bereiche vor grossen Umwälzungen stehen. Am meisten betroffen aber seien die Radiologen und Pathologen.
Diese beiden Fachrichtungen könnten weitgehend überflüssig werden. Denn ihre Kernaufgabe besteht heute weitgehend darin, digitale Bilder zu interpretieren – eine Tätigkeit, welche sehr bald von Algorithmen übernommen wird.

Umsturz auch in der Palliative Care

«Massive Bildgebungs-Datenmengen, kombiniert mit den jüngsten Fortschritten der Computervision, werden die Ergebnisse hier massiv verbessern», schreiben die Forscher. «Die Präzision der Maschinen wird die der Menschen bald übertreffen.» Die Radiologie sei schon sehr weit fortgeschritten auf diesem Weg: «Bei der Interpretation von Mammographien können Algorithmen bereits einen zweiten Radiologen ersetzen. Bald werden sie hier die menschliche Genauigkeit überholt haben.»
Ähnliches liesse sich auch für die Pathologie sagen. Ein weiteres Feld, wo die Künstliche Intelligenz laut den zitierten Autoren recht bald Einfluss zeigen wird, ist die Palliative Care. Denn die AI bringe auch mit sich, dass man personalisiertere Aussagen über die weitere Krankheitsentwicklung eines Menschen treffen kann. Was auch dazu führt, die Betreuungsschritte gezielter und präziser zu planen.

AI wird nicht müde in der Nacht

Natürlich fragt es sich auch, ob die Beteiligten auch umsetzen werden, was die Theoretiker hier begeistert rühmen. Aber nur schon der Kosten-Aspekt deutet an, dass ein starker Druck wirken wird. Obermeyer und Emanuel nennen aber noch ein Beispiel: Auch die Patienten-Organisationen dürften die Künstliche Intelligenz unterstützen, denn auch die Patienten dürfen sich viel davon erhoffen. «Algorithmen brauchen keinen Schlaf, und sie um 2 Uhr nachts genauso präzise wie um 9 Uhr in der Früh.»


«In der Astronomie sieben Algorithmen Millionen Teleskop-Bilder, um Galaxien zu klassifizieren und Supernovas zu finden», so der erwähnte Essai. «Die gleichen Methoden werden auch in der Medizin enorme neue Möglichkeiten eröffnen.»

Wozu noch eine Radiologie-Ausbildung?

Es ist naheliegend, dass Ziad Obermeyer in einem Interview gefragt wurde, ob die Ausbildung zum Radiologen überhaupt noch Sinn macht. Seine Antwort: Jein.
«In 20 Jahren werden die Radiologen in der heutigen Form nicht einmal andeutungsweise mehr exisitieren. Vielleicht sehen sie eher wie Cyborgs aus: Sie überwachen Algorithmen, welche in der Minute tausende Studien verarbeiten können, und dann zoomen sie auf einen gewissen Aspekt, um zwiespältige Fälle zu beurteilen. Oder sie verwandeln sich in "Diagnostizierer" wie Dr. House, wobei sie wieder mehr hinausgehen und mehr Kontakt mit den Patienten haben, um diesen Kontakt in ihre diagnostischen Urteile einfliessen zu lassen.»
Mehr:
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Neues Amt für Christoph A. Binkert

Der Chefarzt am Kantonsspital Winterthur ist neu Präsident der weltweit grössten Gesellschaft für Interventionelle Radiologie.

image

Bundesamt für Gesundheit hat neuen Digitalisierungschef

Die Stelle von Sang-Il Kim konnte wieder besetzt werden. Zudem sucht das BAG im Rahmen einer neuen Strategie weitere Führungskräfte für Cybersecurity und IT-Projekte.

image

Die Radiologie der Zukunft - Patient Experience Projekt am Kantonspital Baden City

Ein Besuch in der Radiologie ist für Patienten oftmals ungewohnt und manchmal auch von Ängsten vor der Untersuchung oder der Diagnose begleitet. Betrachtet man die Abläufe und Strukturen aus Patienten-Sicht ergeben sich viele Fragen, die zu unangenehmen Unsicherheiten führen können.

image

Das ist die neue Chefärztin Radiologie am Stadtspital

Das Zürcher Stadtspital hat Thi Dan Linh Nguyen-Kim als neue Chefärztin Radiologie und Nuklearmedizin an beiden Standorten gewählt. Sie übernimmt den Posten von Dominik Weishaupt.

image

Kenntnis der Erstdiagnose kann zu Fehldiagnosen führen

Informationen über eine Vordiagnose beeinflussen die Zweitmeinung eines Arztes. Zu diesem Schluss kommt eine Studie mit Pathologen aus den USA.

image

Radiologie: Hirslanden bündelt Standorte

Ab Oktober befinden sich vier Zürcher Radiologe-Institute unter einem Dach. Gleichzeitig wird die Ärzteschaft neu organisiert. Ein Überblick.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.