Pflege: Wer sich überfordert fühlt, übersieht mehr

Überraschend: US-Forscher zeigen, dass subjektiver Stress in der Pflege eher zu Nachlässigkeit führt als reale Unterbesetzung.

, 21. Oktober 2025 um 05:22
letzte Aktualisierung: 21. November 2025 um 13:58
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Forschungsfeld Neonatologie eines US-Spitals  |  Bild: Christian Bowen / Unsplash
Wenn die Pflege unterbesetzt oder überlastet ist, dann gehen wichtige Pflegeschritte schnell einmal vergessen: Das ist fast schon eine Binsenweisheit.
Eine Studie aus amerikanischen Neonatologie-Intensivstationen verweist jetzt aber auf eine andere Gefahrenquelle: Das subjektive Gefühl, überlastet zu sein, führt womöglich gar eher zu «Missed care»-Fällen als die objektive Belastung.
Konkret führte ein Team aus mehreren Universitäten eine Beobachtungsstudie auf zehn Neonatologie-ICUs durch – unter anderem an der University of North Carolina in Chapel Hill und bei Johns Hopkins in Baltimore. Insgesamt 11’500 Schichten mit knapp 1’500 Frühgeborenen wurden dabei berücksichtigt.
  • Heather L. Tubbs-Cooley, Adam C. Carle, Barbara A. Mark, et al.: «Nurse Workload and Missed Nursing Care in Neonatal Intensive Care Units», in: «Jama Pediatrics», Oktober 2025.
  • DOI: 10.1001/jamapediatrics.2025.3647
In jeder Schicht füllten die Pflegefachleute – registered nurses – Formulare zu ihrer subjektiven Arbeitsbelastung aus. Zugleich wurden elektronische Patientendaten genutzt, um Pflegeschichten und die personelle Dotierung einzelnen Säuglingen zuzuordnen; erfasst wurden also beispielsweise die zugeteilten Babys pro «Nurse» sowie der Schweregrad des Falles.
Auf der anderen Seite gaben die beteiligten Pflegefachleute an, ob sie in einer Schicht gewisse wichtige pflegerische Aufgaben ausgelassen hatten – von insgesamt 17 definierten Massnahmen.
Erwartungsgemäss hatte der Personalschlüssel auch gewisse Folgen: Bei einem Verhältnis von 3 Säuglingen pro Nurse war das Risiko, dass eine Pflegekraft mindestens einen der 17 Schritte ausliess, deutlich erhöht (signifikant bei 9 von 17 Massnahmen). Bei einem Verhältnis von 2 Säuglingen pro Pflegekraft traten in nur 2 der 17 Punkte signifikante Häufungen von «Missed Care» auf.

Fazit: Die Menge macht's nicht alleine

Nahm man dann aber die subjektive Belastung als Massstab, so zeigte sich ein neuer Zusammenhang: Eine höhere gefühlte Arbeitsbelastung ging bei allen 17 beobachteten Pflegemassnahmen mit mehr vernachlässigten Fällen einher.
Oder anders: Wer sich überfordert fühlte, liess signifikant häufiger einzelne Aufgaben aus – unabhängig davon, wie viele Babys tatsächlich zu betreuen waren.
Die Studienautoren folgern, dass sich Personalplanung und Qualitätssicherung nicht allein an Personalschlüsseln orientieren dürfen. Bedeutsam sei auch, wie die Pflege ihre Situation erlebt. Das Gefühl von Stress alleine erhöht wohl das Risiko, dass wichtige Pflegeschritte entfallen – unabhängig davon, wie gut die Besetzung ist.
  • pflege
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