Die Covid-Pandemie hat die Erkennung von chronischen Erkrankungen massiv beeinträchtigt – bis heute. Darauf deutet eine grosse Kohortenanalyse aus England hin, bei der 19 verschiedene Krankheiten ins Visier genommen wurden, von Asthma bis Colitis ulcerosa.
Laut der Erhebung wurden in England Millionen Krankheitsfälle weniger diagnostiziert, als man nach den Trends vor der Pandemie hätte erwarten müssen.
Gewiss, dass bei allen 19 beobachteten chronischen Erkrankungen im ersten Pandemiejahr (2020/21) deutlich weniger Fälle diagnostiziert wurden – dies erstaunt nicht unbedingt. Schliesslich fanden wegen der Panik und der Vorsichtsmassnahmen auch viel weniger Untersuchungen statt. Deutlich seltener diagnostiziert wurden insbesondere Depressionen (−27,7 Prozent), Asthma (−16,4 Prozent) und COPD (−15,8 Prozent).
Doch auch bis Ende 2024 blieben die kumulativen Diagnosen bei vielen Erkrankungen klar unter den erwarteten Werten, so bei Psoriasis (−17 Prozent) und Osteoporose (−11,5 Prozent).
Eine Ausnahme bieten die chronischen Nierenerkrankungen: Hier lag die Zahl der Diagnosen bis Ende 2024 um 34,8 Prozent über den erwarteten Werten (also sehr klar); die Autoren unter Leitung des National Institute for Health and Care Research vermuten, dass hier Änderungen bei den Leitlinien und sowie höhere Screening-Aktivität hineinspielten.
Denkbar sei aber auch, dass unbekannte direkte oder indirekte Effekte von COVID-19 auf die Nierenfunktion sich hier niederschlagen.
Bemerkenswert sind nun die Subgruppen-Analysen: Menschen weisser Ethnie und in besser gestellten Regionen holten Diagnosen eher nach, sobald die Pandemie abgeklungen war. Ausgeprägt der Fall war dies bei der Diagnose Demenz. Andere Gruppen blieben stärker unterversorgt: Die Wiederherstellung der ärztlichen Betreuung, so scheint es, ist auch eine Klassenfrage.
Die Pandemie hat also nicht nur das Infektionsgeschehen verändert, sondern langfristige Auswirkungen auf die Versorgung chronisch Kranker hinterlassen.
Aufholstrategie?
Natürlich ist die Lage in England anders (und prekärer) als in der Schweiz. Doch die britische Studie stellt immerhin klar, dass aufgestaute Versorgungslücken sehr lange anhalten. Und dass verzögerte Diagnosen langfristige gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, beispielsweise schlechter kontrollierte Depressionen, unentdeckte Lungenerkrankungen oder verspätete Behandlung von Osteoporose. Die Unterschiede nach sozioökonomischem Status und Ethnie verstärken zudem bestehende gesundheitliche Ungleichheiten.
Und so fragt es sich auch in der Schweiz, wie weit eine gezielte Aufholstrategie für die Diagnose und Behandlung chronischer Erkrankungen nötig wäre.