Knapp ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz hat am Arbeitsplatz bereits sexuelle Belästigung erlebt, viele davon mehrfach. Gemeldet wird jedoch nur ein kleiner Teil der Vorfälle, und selbst dann bleiben Konsequenzen häufig aus.
Das zeigt eine neue Studie von Forschenden des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) in Zusammenarbeit mit dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (vsao).
An der anonymen Umfrage, die im Herbst 2025 durchgeführt wurde, nahmen 1837 Ärztinnen und Ärzte teil. 31,3 Prozent gaben an, bereits sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Frauen waren dabei dreimal häufiger betroffen als Männer.
Fast jede zweite betroffene Person machte diese Erfahrung nicht nur einmal, sondern wiederholt – teils mehrmals pro Jahr oder sogar häufiger. Altersunabhängig zeigte sich eine konstant hohe Betroffenheit zwischen 25 und 64 Jahren.
Verbale Übergriffe
Sexuelle Belästigung tritt in allen medizinischen Fachrichtungen auf. Besonders häufig genannt wurden Allgemeine Chirurgie, Pädiatrie, Innere Medizin, Psychiatrie sowie Anästhesiologie.
Am häufigsten handelte es sich um verbale Übergriffe wie sexistische Bemerkungen, anzügliche oder romantische Kurznachrichten per Handy, unerwünschte Küsse und Berührungen.
Körperliche Übergriffe wurden seltener, aber ebenfalls berichtet. Als Täter wurden in erster Linie ärztliche Kolleginnen und Kollegen genannt, gefolgt von Patientinnen und Patienten sowie Vorgesetzten.
Folgen
Die Folgen für die Betroffenen sind erheblich. Rund 60 Prozent berichteten von Stress, ein Drittel von emotionaler Erschöpfung, viele von Motivations- und Konzentrationsproblemen. Für einige hatte die Belästigung gravierende berufliche Konsequenzen: Fünf Prozent fehlten zeitweise bei der Arbeit, 7,5 Prozent wechselten den Arbeitsplatz oder verliessen den Beruf ganz.
Keine Meldung der Vorfälle
Trotz dieser Belastungen meldeten 71 Prozent der Betroffenen die Vorfälle nicht. Hauptgrund war mangelndes Vertrauen in wirksame Konsequenzen: Knapp zwei Drittel zweifelten daran, dass eine Meldung zu sinnvollen Massnahmen führen würde.
Weitere Gründe waren Angst vor Stigmatisierung, fehlende Unterstützung durch die Institution oder Unklarheit über Anlaufstellen. Besonders häufig wurde auch die Sorge vor Vergeltungsmassnahmen genannt – vor allem dann, wenn die Täter in hierarchischen Machtpositionen standen.
Und selbst wenn Fälle gemeldet wurden, blieb dies oft folgenlos: In mehr als einem Drittel der Fälle wurden laut Angaben der Betroffenen keinerlei Massnahmen ergriffen. Die Studienautorinnen und -autoren sehen darin einen zentralen Handlungsbedarf. Sexuelle Belästigung sei ein strukturelles Problem der Medizin, das nicht nur individuelle, sondern institutionelle Antworten erfordere. Gefordert sind klare Meldewege, verlässliche Schutzmechanismen und eine Arbeitskultur, die Respekt und Verantwortung über Hierarchien stellt.
Schweiz im europäischen Vergleich
Die Zahlen fügen sich in ein bereits bekanntes Bild ein und liegen im europäischen Kontext auf hohem Niveau.
Eine 2025 veröffentlichte Umfrage unter 4’339 Ärztinnen und Ärzten in sechs europäischen Ländern (Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Grossbritannien) zeigt ähnliche Muster: Opfer sexueller Belästigung melden die Vorfälle häufig nicht, und die Täter sind zumeist männliche Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte.
Während in Ländern wie Grossbritannien und Deutschland die berichteten Betroffenheitsraten teilweise niedriger liegen (zwischen 8 und 14 %), sind die Belastungen und strukturellen Probleme vergleichbar – insbesondere für Frauen in Spitalpositionen mit Hierarchieverantwortung.
Ähnliche Ergebnisse aus 2022
Die aktuellen Ergebnisse fügen sich in ein bekanntes Bild ein: Bereits eine 2022 im
BMJ Open publizierte Studie zu sexueller Belästigung und Geschlechterdiskriminierung bei Medizinstudierenden und Ärztinnen und Ärzten in der Romandie kam zu ähnlichen Befunden. Damals berichteten rund 19 Prozent der Frauen und knapp 17 Prozent der Männer, sexuelle Belästigung beobachtet oder erlebt zu haben. Rund ein Drittel der Frauen gaben damals an, Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erlebt zu haben.
Anfang 2025 berichtete das Westschweizer Fernsehen (RTS) zudem über das Ausmass
sexueller Belästigung in Spitälern der Romandie. In der Reportage schilderte unter anderem eine anonymisierte Chirurgin ihre persönlichen Erfahrungen. Dem Film zufolge meldeten nur wenige Betroffene solche Vorfälle, und Beschwerden bei offiziellen Stellen blieben oft ohne Konsequenzen oder wurden ignoriert – trotz offiziell geltender Null-Toleranz-Politik in den Spitälern. Besonders das Universitätsspital Lausanne (CHUV) stand dabei im Fokus der Berichterstattung.
Methodik der Studie: Im Rahmen einer anonymen Umfrage zur Diskriminierung in der Medizin wurden auch persönliche Erfahrungen und Einstellungen im Zusammenhang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sowie demografische Informationen von Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz erhoben.
Der vsao verbreitete die Umfrage über seinen Newsletter und über seine Social-Media-Kanäle (LinkedIn, Instagram, Facebook). Sie wurde über einen Zeitraum von drei Monaten im Herbst 2025 durchgeführt.
Ziel der Studie war es, die Häufigkeit, Arten, Ursachen, Folgen und das Meldeverhalten von Ärztinnen und Ärzten in Bezug auf sexuelle Belästigung zu untersuchen.