Hohe Systemzufriedenheit, steigende Belastung

Eine internationale Studie zeigt: Schweizer Ärzte bewerten ihr Gesundheitssystem am besten, zugleich nehmen Stress, administrative Belastung und der digitale Rückstand zu.

, 29. Januar 2026 um 11:39
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Bild: Nicolas Zonvi/USZ
Nirgendwo beurteilen Ärzte ihr Gesundheitssystem so positiv wie in der Schweiz. 90 Prozent schätzen die Leistung des Schweizer Gesundheitssystems als gut oder sehr gut ein – der höchste Wert im internationalen Vergleich.
Gleichzeitig nimmt die Belastung im Praxisalltag deutlich zu: Der Anteil der Ärzte, die sich stark oder sehr stark gestresst fühlen, ist seit 2015 von 30 auf 50 Prozent gestiegen.
Diese Ergebnisse stammen aus der Studie «Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung – Situation in der Schweiz und im internationalen Vergleich». Sie basiert auf dem International Health Policy (IHP) Survey 2025 des Commonwealth Fund. Befragt wurden Haus- und Kinderärzte in der Schweiz sowie in neun weiteren Ländern. In der Schweiz wird die Erhebung vom Bundesamt für Gesundheit verantwortet, die Auswertung erfolgt durch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan).

Unausgeglichene Altersstruktur

Der Bericht zeigt eine weiterhin unausgeglichene Altersstruktur in der Schweizer Grundversorgung. Fast die Hälfte der Ärzte ist 55 Jahre oder älter, während der Anteil der unter 45-Jährigen bei knapp einem Viertel liegt.
Das Geschlechterverhältnis hat sich insgesamt angeglichen, unterscheidet sich jedoch deutlich nach Altersgruppen: Der hausärztliche Nachwuchs ist überwiegend weiblich, in den höheren Altersklassen dominieren Männer.
Rund 40 Prozent der 60- bis 64-Jährigen planen, mit 65 Jahren in Pension zu gehen. Eine geregelte Praxisnachfolge besteht allerdings nur bei rund einem Viertel der über 60-Jährigen.

Veränderte Praxislandschaft

Deutlich verändert hat sich die Praxislandschaft. Gruppenpraxen sind heute die häufigste Organisationsform: Rund 70 Prozent der Ärzte arbeiten 2025 in einer Gruppenpraxis. In acht von zehn Fällen befinden sich diese Praxen im Besitz der Ärzte selbst.
Einzelpraxen sind seltener geworden, kommen aber weiterhin häufiger bei älteren Ärzten sowie in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz vor. Gleichzeitig ist der Anteil der Praxen, die neue Patienten aufnehmen, seit 2012 kontinuierlich gesunken und liegt 2025 bei rund zwei Dritteln.

Grösste Belastung

Als grösste Belastung im Praxisalltag nennen die Befragten administrative Tätigkeiten. Über drei Viertel der Ärzte empfinden Aufgaben im Zusammenhang mit Abrechnung und Versicherungen als grosses Problem, insbesondere weil sie Zeit für andere Tätigkeiten beanspruchen.
Der Koordinationsaufwand mit Spezialisten wird dagegen deutlich seltener als belastend wahrgenommen. FMH-Präsidentin Yvonne Gilli sagt dazu: «Die Schweizer Grundversorger leisten Ausserordentliches. Sie beweisen tagtäglich eine grosse Stressresistenz und halten die Versorgungssituation selbst unter grosser Belastung hoch.» Gleichzeitig warnt sie: «Die Bürokratie verschärft den Fachkräftemangel und belastet die Arzt-Patienten-Beziehung. Es braucht unbedingt eine administrative Entlastung.»

Psychischen Gesundheit

Inhaltlich fühlen sich acht von zehn Ärzten gut auf die Behandlung chronisch kranker Patienten vorbereitet. Als besonders herausfordernd werden Probleme im Zusammenhang mit Substanzkonsum genannt.
Nach Einschätzung der Befragten entfällt fast die Hälfte der behandelten Gesundheitsprobleme auf den Bereich der psychischen Gesundheit. Häufig thematisiert werden zudem soziale Fragen wie Ernährungsprobleme, soziale Isolation oder Einsamkeit.

Digitalisierung

Bei der Digitalisierung liegt die Schweiz im internationalen Vergleich weiterhin zurück. Weniger als ein Fünftel der Ärzte in der Grundversorgung ist an das elektronische Patientendossier angeschlossen, rund die Hälfte plant einen Anschluss.
Konsultationen finden überwiegend persönlich statt; telefonische und insbesondere videobasierte Angebote bleiben die Ausnahme. Auch eHealth-Anwendungen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz spielen im Praxisalltag bislang eine untergeordnete Rolle.
Trotz der hohen Systembewertung zeigt der Bericht damit ein Spannungsfeld: Rund 80 Prozent der Ärzte sind mit ihrer ärztlichen Tätigkeit zufrieden, mit Arbeitspensum und Work-Life-Balance jedoch weniger als die Hälfte. Rund ein Fünftel schätzt sich selbst als burnout-gefährdet oder betroffen ein.

  • obsan_01_2026_bericht.pdf

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