250'000 Franken Einstiegslohn: Ärzte sollen Angestellte sein

Gesundheitspolitiker Mauro Poggia fordert, Ärzte künftig fest anzustellen. Denn das heutige Tarifsystem verleite zu unnötigen Behandlungen und treibe die Kosten in die Höhe.

, 15. September 2025 um 00:00
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«Heute muss ein Arzt nur sein Schild montieren und die Menschen stehen Schlange»: Der Genfer Ständerat Mauro Poggia im RTS-Interview.
Warum sind so viele Ärzte freiberuflich tätig? Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, wird nun vom Genfer Ständerat Mauro Poggia in Frage gestellt. Denn das heutige System mit Einzeltarifen treibe bloss die Kosten hoch – es reizt dazu an, die Leistungen auszubauen und unnötige Behandlungen zu erbringen.
Poggias Alternative: fest angestellte Ärzte. «Da hätte man zumindest nie die Vermutung, dass jemand die Behandlungen ausweiten will, um mehr zu verdienen», sagte der ehemalige Genfer Staatsrat in der RTS-Sendung «Temps présent». Poggia war in der Genfer Kantonsregierung zuständig für die Gesundheit und sitzt heute im Verwaltungsrat des Spitals Wallis.
Als Richtwert nannte Poggia ein Einstiegsgehalt von jährlich 250'000 Franken, das dann je nach Spezialisierung und Verantwortung steigen könnte.

Angestellt = weniger Papierkrieg

Natürlich kratzt die Idee stark an einem Grundverständnis der Branche, nämlich dass der Arztberuf seit jeher ein freier Beruf ist. «Sie sind frei, ihre Patienten zu wählen, sie sind frei, die richtige Behandlung zu bestimmen», so Poggia über die Ärzte von heute: «Aber die Mittel dazu sind öffentlich. Es gibt kein unternehmerisches Risiko mehr.»
Obendrein könnte das Modell durchaus attraktiv sein für all die Ärztinnen und Ärzte, die den stetig steigenden bürokratischen Druck durch Staat und Krankenkassen beklagen.
Allerdings würde Poggias Idee auch eine weitgehende Verstaatlichung des Berufs nach sich ziehen. Entsprechende Warnungen äusserte Alain Vonlaufen in derselben RTS-Reportage: «Die staatsgetragene Medizin hat sich noch nie als effizient erwiesen», sagte der Genfer Arzt und Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gastroenterologie. Ohnehin kenne er keinen einzigen Kollegen, der den Beruf wegen des Geldes ergriffen habe.
Tendenziell anerkennt Vonlaufen allerdings eine Entwicklung, welche die Ärzte vermehrt zu Angestellten macht: Kleine Einzelpraxen dürften eher verschwinden – zugunsten grösserer Zentren.
Die Reportage von «Temps présent» stellte eine Grundfrage: Wie kann man die Kostenexplosion im Gesundheitsbereich bremsen – ohne Tabu? Was wären radikale Vorschläge? Neben Poggias Ideen wurden dabei zwei weitere Ansätze diskutiert:
  • Mehr Einfluss für die Pflege: In Genf läuft ein Pilotprojekt mit der Groupe Mutuel, bei dem spezialisierte Pflegefachleute in drei Gesundheitszentren («Points santé») kostenlose Konsultationen bis 45 Minuten Dauer anbieten – ohne Anrechnung an die Franchise. Dieses Modell könnte einerseits Menschen mit geringem Einkommen zugutekommen – und zugleich Ärztinnen und Notfallstationen entlasten.
  • Offenere Grenzen: Der Walliser Nationalrat Philippe Nantermod (FDP) plädierte dafür, dass Behandlungen und Medikamente im Ausland von den Krankenkassen erstattet werden können. Eine entsprechende Motion des FDP-Ständerats Marcel Dobler dürfte noch in dieser Session im Ständerat diskutiert werden. Damit würde das heute stark geschützte Schweizer Gesundheitssystem stärker dem Wettbewerb ausgesetzt.

«Temps présent», RTS: «Santé –3 remèdes pour baisser les primes», 11. September 2025.


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