«Mehr Respekt»: Fachärzte fordern seriösere Debatte über Abnehmspritzen

Die Diskussion über neue Therapien gegen Übergewicht und deren Bezahlung gerate in Schieflage, meint die Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie. Sie ermahnt Politik, Versicherer und Fachwelt, das Thema sachgerecht zu behandeln.

, 4. September 2025 um 22:31
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Bild: Haberdoedas / Unsplash
«Krankenkassenprämien: höhere Kosten durch Abnehmspritzen» (NZZ). «Die Fettwegspritze muss ein Privatvergnügen sein» («Finanz & Wirtschaft»). «Missbrauch als Lifestyle-Droge: Abnehmspritzen belasten das Gesundheitssystem» («Tages-Anzeiger»). Oder: «Les traitements contre l'obésité grèvent les coûts des assureurs» («Agefi»). Solche Schlagzeilen haben sich in den letzten Monaten gehäuft.
Und nun schrecken sie auch die ärztlichen Experten auf. Die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED-SSED) hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie zu einer Versachlichung aufruft – und zu einer vertieften Diskussion.
Die Debatte über die neuen Gewichtshemmer entferne sich «leider zunehmend von einer evidenzbasierten Argumentation hin zu stigmatisierenden Narrativen gegenüber Menschen mit Adipositas», schreibt die Gesellschaft. Es sei eine besorgniserregende Entwicklung.
  • Position Statement of the Swiss Society of Endocrinology (SGED/SSED) on recent public debates questioning the reimbursement of obesity medication, August 2025.
Rund 43 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren sind laut den letzten Zahlen von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Die herkömmlichen Ansätze seien unbestritten, aber sie genügten oft nicht, befindet die SGED-SSED: «Lebensstiländerungen – Ernährung, körperliche Aktivität und Verhaltenstherapie – bilden weiterhin die Grundlage der Adipositastherapie. Dennoch gelingt es vielen Betroffenen nicht, allein durch Lebensstilmassnahmen eine klinisch relevante Gewichtsreduktion und Verbesserung des Stoffwechsels zu erreichen oder langfristig aufrechtzuerhalten. Auch mit chirurgischen Eingriffen alleine kann der steigende Bedarf nicht abgedeckt werden.»
Zugleich seien die Vorteile der neuen Medikamente inzwischen klinisch solide belegt. Sowohl WHO als auch führende Fachgesellschaften erachten diese Therapien mittlerweile als unentbehrlich für die Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes.
«Es gelingt vielen Betroffenen nicht, allein durch Lebensstilmassnahmen eine klinisch relevante Gewichtsreduktion zu erreichen. Auch mit chirurgischen Eingriffen alleine kann der steigende Bedarf nicht abgedeckt werden.»
Es klingt nach einem Positionsbezug für Wegovy, Ozempic & Co. Doch genau besehen geht es dem Text vor allem ums Prinzip. Die Endokrinologen und Diabetologen fordern generell, dass die Adipositastherapien fundiert bewertet werden; dass sie von unabhängigen Experten beurteilt werden; dass die ökonomische Einschätzung nicht nur der direkten Therapiekosten berücksichtigt, sondern auch die indirekte Belastung durch adipositasbedingte Erkrankungen. Und schliesslich fordert die Gesellschaft dazu auf, das Thema mit Respekt zu behandeln – ohne Stigmatisierung.
Unterstützt wird das Anliegen von der Swiss Multidisciplinary Obesity Society (SMOB) und der Allianz Adipositas Schweiz. Insgesamt versteht sich das «Position Statement» als Appell an politische Entscheidungsträger, Gesundheitsökonomen, Leistungserbringer, Versicherer und Patientinnen- und Patientenvertreter, «sich zu einem Dialog zu diesem bedeutenden öffentlichen Gesundheitsproblem zusammenzuschliessen.»
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