«Wir arbeiten mit immer weniger Personal und müssen immer mehr einspringen»

Fast ein Jahr nach der Annahme der Pflegeinitiative verschlechtere sich die Situation im Gesundheitswesen rasant, sagen Pflegende. Sie wollen nun erneut ein Zeichen setzen.

, 16. September 2022, 07:03
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Am 26. November 2022 treffen sich die Pflegenden für eine Aktion auf dem Bundesplatz. | zvg
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Vor fast zehn Monaten hat die Schweizer Bevölkerung die Pflegeinitiative mit grossem Mehr angenommen. Das Ziel: eine gute Pflege sicherstellen.
Doch die Situation im Gesundheitswesen verschlechtere sich rasant, schreiben der Pflege-Berufsverband SBK und die Gewerkschaften Unia, VPOD und Syna in einer gemeinsamen Mitteilung. Mehr als 300 Pflegende verlassen pro Monat den Beruf, wie dort zu lesen steht.

Warnung vor einer Verschärfung der Krise

Wenn es so weitergehe, könne eine angemessene – geschweige denn eine gute – Pflege bald nicht mehr sichergestellt werden, wird weiter gewarnt. «Wir arbeiten mit immer weniger Personal und müssen immer mehr einspringen», sagt Pflegefachfrau und Gewerkschafterin Natalie Dohner.
Schuld daran sei die Trägheit der Politik: Es sei «sehr frustrierend», dass die Politik sich nur langsam bewege, so Dohner. Während Bund und Kantone sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, verschärfe sich die Versorgungskrise im Gesundheitswesen.

Politik müsse sofort handeln

Die Verbände liefern auch gleich Zahlen: In der Langzeitpflege steige der Bedarf an Alters- und Langzeitpflege bis 2040 um 56 Prozent. Um diese Pflege zu erbringen, brauche es entsprechend mehr Personal. In den Spitälern verhalte sich die Situation genau gleich prekär: Offene Stellen und geschlossene Betten seien an der Tagesordnung.
Die Politik müsse jetzt die Berufsausstiege mit fünf Sofortmassnahmen stoppen, steht in der Mitteilung weiter zu lesen. Der SBK sowie die Gewerkschaften Unia, VPOD und Syna fordern:
  1. Löhne/Arbeitszeit: Deutliche Lohnerhöhung bei gleichem Pensum beziehungsweise Arbeitszeitreduktion bei gleichem Lohn.
  2. Zulagen: Massive Erhöhung der bestehenden Zulagen und Zeitgutschriften sowie Einführung von Zulagen für kurzfristige Dienstplanänderungen.
  3. Ferien: mindestens 5 Wochen bis 49, ab 50 6 Wochen, ab 60 7 Wochen.
  4. Tatsächliche Erfassung und Abgeltung der Arbeitszeit: z.B. inkl. Umkleidezeit, Wegzeit von einem Einsatz zum nächsten in der Spitex.
  5. Kinderbetreuung: Zuschüsse für familienergänzende Kinderbetreuung.

Arbeitsgesetz durchsetzen

Solange das benötigte Personal für eine gute Pflege fehle, müssten Betten/Abteilungen geschlossen und in den Heimen Aufnahmestopps verhängt werden. Das Bündnis Gesundheit fordert die kantonalen Arbeitsinspektorate dazu auf, das geltende Arbeitsgesetz konsequent durchzusetzen und öffentlich darüber Bericht zu erstatten.
Spitäler und Kliniken könnten diese Massnahmen nur umsetzen, wenn eine kostendeckende Finanzierung der ambulanten und stationären Spitalleistungen gewährleistet sei, teilt der Spitalverband Hplus mit. Zudem müssten im Rahmen der Ausbildungsoffensive jetzt rasch neue Fachpersonen ausgebildet werden. Die Umsetzung hängt gemäss Spitalverband entscheidend von den Kantonen ab.
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