Vorbild Holland? Pflegefachleute organisieren sich selber

Unzufriedene Pflegefachleute haben in Holland einst die Organisation Buurtzorg gegründet. Das Erfolgsmodell taugt aber kaum für die Schweiz.

, 3. Januar 2024 um 07:13
letzte Aktualisierung: 28. Februar 2024 um 08:01
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In Deutschland gibt es nach einem euphorischen Start nur noch zwei kleine Buurtzorg-Teams: eines in München und eines in Münster. | Buurtzorg Deutschland
Zufriedene Pflegefachleute, zufriedene Pflegebedürftige: In den Niederlanden existiert diese schöne Welt, und zwar unter dem Namen «Buurtzorg» – «Buurt» bedeutet im Niederländischen «Nachbarschaft»; «Zorg» steht für «Sorge».
Buurtzorg ist ein ambulanter Pflegedienst, der ganz neue Wege geht: Es gibt keine Hierarchie. Selbstständige Teams von zwölf Personen regeln alles selbst. Sie planen ihre Arbeit selber und sprechen sich mit den Hausärzten ab. So gewinnen die Pflegenden mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit.
In den Niederlanden ist das ein Erfolgsmodell. Derzeit beschäftigt die Organisation rund 14’500 Mitarbeiter, was etwa einen Fünftel aller Angestellten in der ambulanten Pflege ausmacht. Bereits fünf Mal wurde Buurtzorg zum besten niederländischen Arbeitgeber gewählt.

Mehr Motivation

Untersuchungen zeigen, dass sich Buurtzorg positiv auf die Pflegequalität auswirkt und gleichzeitig die Motivation der Mitarbeitenden hebt. Zudem kostet es weniger als bisherige Modelle in den Niederlanden.
Etliche andere Länder, darunter auch Deutschland, arbeiten mittlerweile mit Buurtzorg zusammen. Die Schweiz ist allerdings nicht dabei.

Es bräuchte viel Umdenken

Vor einiger Zeit hat ein Forscherteam der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag der Spitex-Organisationen Bern, Region Olten und Zürich Limmat untersucht, ob und wie das niederländische Versorgungsmodell auch in der Schweiz Einzug halten könnte. Dabei wurde klar: Hierfür bräuchte es ein umfassendes Umdenken.
Die Hürden, die dem Modell im Weg stehen:
  • Es genügt nicht, in einer Spitex-Organisation einfach die Führung abzuschaffen. Zuerst ist eine neue Kultur nötig. Es braucht viel Vertrauen zwischen den Mitarbeitenden im Team, aber auch das Vertrauen der Patienten, der Ärzte und Ärztinnen und vor allem auch das Vertrauen der Kassen, und der Kantone.
  • Diese Kultur des Vertrauens kann nicht verordnet werden. Man muss sie leben, entwickeln, pflegen und immer wieder erneuern. Das braucht Zeit.
  • In der Schweiz sind die Spitex-Strukturen sehr unterschiedlich. Es wäre kaum realistisch, dass alle Spitex-Organisationen mit dem Buurtzorg-Modell glücklich würden.
  • Der Versuch, es genauso zu machen, wie Buurtzorg, kann sehr schnell zu Frust führen: Nämlich dann, wenn plötzlich klar wird, dass manche Mitarbeitenden keine Verantwortung übernehmen wollen Oder wenn der Vorstand entgegen den Abmachungen eingreift und bestimmt. Oder wenn sich der Kanton oder die Krankenkasse quer stellt.

Pflege nicht revolutioniert

Auch in Deutschland konnte das Buurtzorg-Modell bisher nicht so recht Fuss fassen – auch wenn die Zeitschrift «Stern» vor drei Jahren euphorisch ankündigte: Dieses Konzept könnte die Pflege revolutionieren – «Kein Chef. Kein Büro. Mehr Zeit für die Menschen.»
Doch der Plan, die Arbeit der Pflegefachleute radikal zu verändern, ging nicht auf. Es harzt damit, das Modell im ganzen Land zu etablieren. Derzeit gibt es nur gerade zwei Teams, eines in Münster und eines in München.

«Ganz schön schwierig»

Die «Süddeutsche Zeitung» kam kürzlich zum Schluss: «Die Firma Buurtzorg will die Betreuung menschlicher machen. Doch das ist im deutschen System ganz schön schwierig.» Noch etwas schwieriger dürfte es im Schweizer System werden.

Zürcher Spitex testete Buurtzorg

Lesen Sie hier über die Erfahrungen der ehemaligen Spitex Zürich Limmat mit dem Buurtzorg-Modell.
Hinweis: Die in diesem Interview befragte Christina Maria Brunnschweiler, bis Ende 2022 Co-CEO der Spitex Zürich, verstarb am 24. August 2023, nach einem kurzen Ruhestand an ihrer schweren Krankheit.

  • pflege
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