«Wir suchen Leute, die in der Champions League spielen»

Das Zürcher Kinderspital entwickelte neue Methoden zur Personalgewinnung. Und nun hat es erstmals seit Jahren sogar in der Intensivstation alle Stellen besetzt. Wie ging das? Antworten von Bereichspersonalleiterin Sonja Auf der Maur.

, 29. Juli 2016, 11:58
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Frau Auf der Maur, zur jüngsten Recruiting-Kampagne des Kinderspitals gehört eine Schnell-Bewerbe-Website, ein Kispi-Tram oder ein VW-Bus, der als mobiles Jobcenter dient. Wie erfolgreich waren die ersten Monate?
Im Kern steht die Website «Kispi-Spirit», auf der man sich ganz einfach bewerben kann und rasch eine Antwort erhält. Wir haben sie im Februar aufgeschaltet, weil wir auf Herbst 2016 eine zusätzliche Pflegestation zu eröffnen planten. Dafür mussten 30 Personen zusätzlich gefunden werden. Heute können wir sagen: Wir konnten all diese Stellen besetzen, und zwar relativ schnell. Auch sonst bekamen wir viele Offerten – insbesondere für die Intensivpflege.
Und dies hängt direkt mit den «Spirit»-Aktionen zusammen?
Ganz klar. Wir bekamen via «Kispi-Spirit» über 300 Bewerbungsanfragen.
Das bedeutet zuerst mal viel Mehrarbeit zur Bearbeitung.
Konkret waren es 334 Anfragen in den ersten vier Monaten, die über «Kispi-Spirit» bei uns eingingen. Und wir versprachen ja, dass wir immer innert zwei Arbeitstagen reagieren. Daran haben wir uns gehalten – wir mussten also wirklich über 300 Telefonanrufe tätigen.
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    Sonja Auf der Maur

    Sonja Auf der Maur ist seit 2012 Bereichspersonalleiterin am Kinderspital Zürich. Das «Kispi» pflegt seit gut zwei Jahren einen intensiveren Arbeitgeber-Auftritt – getragen vom Claim «Den Kindern alles Gute» –, und es machte in den letzten Monaten durch diverse unkonventionelle Ideen zur Personalrekrutierung von sich reden.

Wie ist die Bilanz der Aktionen mit dem VW-Bus?
Es ist noch zu früh, um etwas zu sagen – wir bekamen den Bus ja erst im Mai. Wir waren damit beim Pflegekongress in Davos oder am Careum, um auf unsere Job- und Ausbildungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Der «Kispi-Bus» wirkt eindeutig als Hingucker, die Leute reagieren darauf, und wir werden ihn vermehrt einsetzen. Wir suchten dafür extra einen alten VW-Bus, der auch kennzeichnet, dass das Kispi ein Traditionsbetrieb ist.
Es geht bei diesen Aktionen also auch stark darum, ein Image zu schaffen und zu verbreiten?
Ja, klar. Erste Priorität war es, die Stellen zu besetzen – aber bei solchen Aktionen geht es natürlich auch darum, das Kinderspital als attraktiven Arbeitgeber noch bekannter zu machen. Wir schufen den «Kispi-Spirit» für die Pflege, aber das Programm hatte positive Auswirkungen auf das ganze Kinderspital.
Welche neuen Wege in der Personalgewinnung können Sie sonst noch empfehlen?
Für uns ist Facebook wichtig geworden. Wir haben eine eigene Kispi-Karriere-Seite erstellt und diese auch beworben, und von dort spüren wir einen enormen Rücklauf. Es gibt nicht nur viele Meldungen von aussen, sondern auch intern.
Das ist nicht selbstverständlich. Von anderen Gesundheits-Institutionen hört man, dass sie mit ihrer Facebook-Präsenz bestenfalls gemischte Resultate erzielen.
Bei uns ist der Erfolg eindeutig, wir hatten das selber nicht erwartet. Wir fragten uns zuerst auch, wozu es denn eine eigene Facebook-Karriereseite braucht. Aber bevor wir das «Kispi-Spirit»-Programm starteten, fragten wir unsere Pflegefachpersonen, in welchen sozialen Netzwerken sie aktiv sind. Und da wurde klar, dass Facebook wichtig ist – während beispielsweise Xing und Linkedin nicht interessieren.
Nun ist das Kispi ohnehin ein vergleichsweise gefragter Arbeitgeber: Es ist zentral, es ist universitär, es dreht sich um Kinder. Wo haben Sie dennoch Engpässe?
Auch wir verspüren das grundsätzliche Problem, dass es auf dem Arbeitsmarkt zu wenig Pflegefachkräfte gibt. Das mag bei uns weniger akut sein als andernorts – aber trotzdem. Und am schwierigsten ist es, in der Intensivpflege Stellen zu besetzen.
Wie überall.
Ja, wie überall. Aber jetzt, nach den Aktionen der letzten Monate, haben wir zum ersten Mal seit vielen Jahren sogar in der Intensivstation restlos alle Stellen besetzt.
Und was erwarten Sie? Könnte sich die Lage also auch wieder entspannen?
Mit der Hochspezialisierung in der Medizin wird auch die Pflege aufwändiger, und tendenziell wird immer mehr Personal benötigt. Auf der anderen Seite merken wir, dass wir unsere Ausbildungsplätze leichter besetzen können als noch vor einigen Jahren. Es besteht also die Hoffnung, dass spürbar mehr Leute eine Ausbildung in der Pflege abschliessen.
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Das Kinderspital Zürich auf der Carefair
Das «Kispi» gehört zu den Ausstellern der Carefair – der ersten Jobmesse für das Schweizer Gesundheitswesen. Sie findet vom 25. bis 28. Oktober in Zürich statt. Im Vorfeld der Carefair präsentiert Medinside Interviews mit ausgewählten Personal-Experten der Schweizer Gesundheitsbranche.
Was sind die Hauptkriterien dafür, dass jemand das Kinderspital Zürich wählt und dort arbeiten will?
Zuoberst steht natürlich die Arbeit mit Kindern. Nach unserer Erfahrung sind für die Interessenten drei Aspekte besonders bedeutsam und attraktiv: erstens die Arbeit mit Kindern, zweitens das universitäre Umfeld und die Spitzenmedizin, drittens das unkomplizierte Miteinander und die flachen Hierarchien.
Und zu diesem unkomplizierten Stil gehört dann ein Online-Verfahren, bei dem man sich innert 15 Sekunden bewerben kann.
Auf dem ausgetrockneten Markt sind die Leute nicht bereit, komplizierte Formulare auszufüllen und Bewerbungsschreiben zu verfassen. Sie wissen, wie gefragt sie sind. Es gibt ja Studien, wonach etwa jeder zehnte Bewerber nur deshalb aufgibt, weil das Verfahren zu kompliziert ist, und in der Pflege dürfte dies besonders ausgeprägt der Fall sein. Also kann es zu einem Kriterium werden, dass man sich niederschwellig bewerben kann.
Wie ist es umgekehrt: Worauf achten Sie bei den Jobkandidaten besonders?
Wir laden geeignete Bewerberinnen und Bewerber in der Pflege zu einem Schnuppertag ein. So merken wir schnell, ob jemand ins Team passen könnte. Ist dies nicht der Fall, kann es trotz fachlicher Qualifikation zu einer Absage kommen. Wichtig ist zu spüren, dass jemand wirklich bei uns arbeiten will. Das gilt immer – nicht nur in der Pflege, sondern auch in der Buchhaltung oder in der Küche. Die Frage: «Weshalb wollen Sie gerade ins Kispi?» ist für uns immer bedeutsam. Wir wollen nicht Leute, die einfach einen Job suchen.

Zu den offenen Stellen beim Kinderspital Zürich

Welche Rolle spielt dann jeweils der Lohn?
In der Regel keine zentrale. Wir schreiben das Lohnband bereits in die Inserate und halten uns an die kantonalen Lohnrichtlinien. Daher besteht auch kein Verhandlungsspielraum. Es geschieht manchmal, dass jemand absagt, weil er oder sie in einer Privatklinik ein höheres Salär erzielen kann. Aber viel häufiger sind die Bewerberinnen und Bewerber wegen der Arbeitsqualität, der Atmosphäre und der Arbeit mit Kindern bereit, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen..
Wie sonst kann Sie jemand im Bewerbungsgespräch überzeugen?
Er muss motiviert sein und natürlich auch die fachliche Qualifikation mitbringen. Wir sagen stets: Wir spielen in der Champions League. Und das heisst, dass wir auf jeder Position die besten Leute haben wollen.
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