Weshalb die Notfallpraxis im Spital den Hausarzt kaum konkurrenziert

Daten aus dem Notfall des Zürcher Waidspital zeigen: Die Patienten suchen das Spital nicht von selber auf, weil sie keinen Hausarzt haben – sondern trotzdem.

, 14. März 2016, 10:21
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Die Notfallstation ist hoffnungslos überlastet, weil immer mehr Patienten mit kleineren Beschwerden vorsprechen: Dieses Problem ist allseits bekannt in den Spitälern der Schweiz. 
Als Gegenmassnahme richtete Zürcher Stadtspital Waid 2009 – wie andere Spitäler davor und danach – eine Notfallpraxis ein, also ein Ambulatorium mit verlängerten Öffnungszeiten, in denen Allgemeinpraktiker die Versorgung übernehmen. Beim Eintritt werden die Patienten nun entweder dieser Praxis oder direkt der Notfallstation zugewiesen, je nach ESI-Wert
Was hat es gebracht? Beteiligte Mediziner des Waidspitals sowie Forscher des Uni-Instituts für Hausarztmedizin und der ZHAW Winterthur legen nun weitere Daten dazu vor. Die Basis bieten einerseits Befragungen unter Ärzten und Pflegefachleuten (wobei etwa die Zeitintervalle in den Abläufen oder medizinische Probleme erhoben wurden), andererseits Fragebögen, die von den Patienten ausgefüllt worden waren.

Corinne Chmiel, Mathyas Wang, Patrick Sidler, Klaus Eichler, Thomas Rosemann, Oliver Senn: «Implementation of a hospital-integrated general practice – a successful way to reduce the burden of inappropriate emergency-department use», in: «Swiss Medical Weekly», März 2016

Der Vergleich der Daten von 2007 (also vor Start der Praxis) und 2011 zeigte, dass das neue Angebot den Anfall auf der Notfallstation um gut einen Drittel zu senken half.
Die Zahl der inkorrekten Triage-Entscheide wurde gemessen an jenen Patienten, die aus der Notfallpraxis des Waidspitals zurück mussten zur Notfallstation. Diese Quote pendelte in den erfassten Jahren zwischen 3,9 und 4,75 Prozent; der Durchschnittswert erreichte 4,57 Prozent.
Fast alle Patienten, die in der Triage der Praxis zugewiesen wurden, waren von selber ins Spital gekommen – die Zahl lag bei gut 97 Prozent im Jahr 2009 oder fast 95 Prozent im Jahr 2011.

«Von unangemessener Beanspruchung entlastet»

Dies bestätigt den Gesamteindruck, dass die Einführung der Notfallpraxis erfolgreich war. «Die Mehrheit der Selbsteinweiser mit nicht-drängenden Problemen, die zuvor auf der Notfallstation gesehen wurden, konnten erfolgreich in die neue Notfallpraxis überwiesen werden», schreiben die Autoren unter Leitung von Corinne Chmiel. «Die Notfallstation wurde damit von unangemessener Beanspruchung entlastet».
Bereits im Jahr 2012 hatte ein Forschungsbericht ergeben, dass mit dem neuen System die Wartezeit der Selbsteinweiser halbiert werden konnte – und dass, nachdem das Experiment 2009 begonnen hatte, die Zufriedenheit sowohl bei Patienten wie beim medizinischen Personal gestiegen war (mehr dazu hier).

Auch ausländische Patienten haben meist ihren Hausarzt

Aber darum geht es nicht allein. Das mit 1,9 Millionen Franken aus der Stadtkasse angeschobene Praxisprojekt am Waidspital geriet seinerzeit in politische Kritik, weil es die Hausärzte und die Permanence-Gruppenpraxen zu konkurrenzieren drohte. Hier nun widersprechen die Daten von Chmiel et al. auf interessante Art.
Zum einen ergaben die Patientenbefragungen, dass die grosse Mehrheit der Selbsteinweiser einen eigenen Hausarzt hatte. Dies galt notabene auch für die allermeisten ausländischen Patienten – bei denen ja oft angenommen wird, dass sie mangels einer bestehenden Arzt-Beziehung eher die Notfallstationen aufsuchen. Doch auch sie sagten zu über 75 Prozent aus, dass sie einen eigenen Hausarzt haben.
Obendrein war die Beziehung zum eigenen Arzt durchaus intensiv: Eine grosse Mehrheit der Patienten im Waid-Notfall sagte aus, innerhalb der vergangenen sechs Monate mindestens einmal Kontakt gehabt zu haben mit dem Hausarzt.

Die Grundannahme müsste überprüft werden

Kurz: Die verbreitete Annahme, dass die Notfallstationen überlaufen werden, weil es an Hausärzten mangelt (respektive weil heutige Patienten seltener einen eigenen Hausarzt haben) – diese Annahme müsste wohl überprüft werden, «at least in the Swiss setting», wie die Autoren schreiben.
Hauptgrund für den Gang in den Waid-Notfall war eher die mangelnde Erreichbarkeit des eigenen Arztes. Eine Folgerung wäre also, dass solche Notfall-Praxen in den Spitälern eben doch keine Konkurrenz darstellen für die niedergelassenen Ärzte, sondern eher komplementär sind.
Damit drängt sich zugleich eine andere Interpretation auf: Der Andrang auf die Notfallstationen könnte sich aus einer gewissen Haltungs- beziehungsweise Stil-Änderung ergeben, die bei den Ärzten selber geschehen ist. 

Die Teilzeit-Frage

«Wahrscheinlich», so schreiben die Studienautoren, «sind die Allgemeinpraktiker weniger erreichbar für Notfall-Konsultationen und/oder sie sind nicht mehr so stark bereit wie früher, ausserhalb der Praxiszeiten erreichbar zu sein. Ein Faktor hierbei könnte die stetig wachsende Zahl von Allgemeinpraktikern sein, die Arbeit und Familienansprüche in Einklang bringen müssen – neben dem Wunsch einer jüngeren Generation, die Arbeitsbelastung zu reduzieren; ein Befund, der sich auch in der steigenden Rate von Teilzeitarbeit unter Hausärzten spiegelt.»
Eine Frage steht allerdings damit weiter im Raum: Wie sehr konkurrenzieren solche Spitalpraxen die privaten Ärztezentren mit verlängerten Öffnungszeiten? Dieser Aspekt wurde von der Studie nicht untersucht. 
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