Vitamine und Mineralstoffe: Was Ärzte wissen sollten

Folsäure für Schwangere? Kalzium für ältere Patienten? Wissenschaftler der Harvard Medical School geben auf Basis zahlreicher Studien medizinische Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel ab.

, 6. März 2018, 07:56
image
  • praxis
  • ärzte
Vitamine und Mineralstoffe zur Nahrungsergänzung sind ein Dauerthema in Arztpraxen und Apotheken. Viele Menschen stehen ihnen euphorisch gegenüber und verlangen danach. In den USA, wo mehr als 90'000 Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt sind, nehmen mehr als die Hälfte der erwachsenen US-Bürger mindestens ein Supplement ein, jeder Zehnte soll sogar mindestens vier Präparate konsumieren. 
In der Schweiz greifen 47 Prozent der Erwachsenen regelmässig zu Vitamin- oder Mineralstoffsupplementen, wie eine Umfrage des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigt - 56 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer. Vor sechs Jahren waren es lediglich 25 Prozent. 

Mittel halten nicht, was sie versprechen

Der hohe Konsum kontrastiert mit dem vergleichsweise geringen ernährungsphysiologischen Nutzen. Nur in bestimmten Fällen ist eine gezielte Ergänzung der Nahrung mit einzelnen Nährstoffen sinnvoll, zum Beispiel Folsäure in der frühen Schwangerschaft. 
Unter dem Titel «What clinicians need to know» haben die beiden Medizinerinnen JoAnn Manson und Shari Bassuk von der Harvard Medical School eine praktische Übersicht erstellt, in welchen Fällen welche Zusätze sinnvollerweise eingesetzt werden sollen. Die Empfehlungen basieren auf zahlreichen klinischen Studien und sollen dem Fachpersonal eine Entscheidungshilfe bieten. 

«Keine präventive Wirkung»

In ihrer im Fachjournal «Jama» veröffentlichten Arbeit kommen die Autorinnen zum Schluss: «Die meisten randomisierten klinischen Studien über Vitamine und Mineralstoffzusätze zeigten keinen klaren Nutzen, dass damit primär oder sekundär chronischen Erkrankungen - also solchen, die nicht direkt mit dem Nährstoffmangel zusammenhängen - vorgebeugt werden könnte.» 
Für Menschen, die sich gesund ernähren, sind die Mittel in der Regel überflüssig. Die Wissenschaftlerinnen legen den Ärzten nahe, den Patienten aufzuzeigen, dass die künstliche Vitamine und Mineralstoffe keinen Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sind und in den meisten Fällen wenig bis gar keinen Nutzen bringen. 

Die Tipps: Welche Zusätze sind sinnvoll, wann und für wen?


1. Empfehlungen für Gesunde, aufgeteilt nach Lebensphase
  • Schwangere Frauen und solche, die es werden wollen: Folsäure (0,4 - 0,8 mg pro Tag) sowie pränatale Vitamine. 
  • Säuglinge und Kleinkinder: Vitamin D (400 IE/Tag) bis zum Abstillen, Eisen (1 mg pro Kilo und Tag) zwischen 4 und 6 Monaten.
  • Erwachsene ab 50: Fallweise Vitamin B12 (2,4 Mikrogramm pro Tag), Kalzium oder Vitamin D (600 IE pro Tag bis 70 Jahre, danach 800 IE pro Tag).
2. Empfehlungen für Risikopatienten
Bariatrische Operationen: Fettlösliche Vitamine, B-Vitamine, Eisen, Kalzium, Zink, Kupfer, Multivitamine, Multimineralstoffe.Perniziöse Anämie: Vitamin B12 (1-2 mg pro Tag oral einnehmen oder 0.1-1 mg pro Monat intramuskulär).Morbus Crohn und andere chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Eisen, B-Vitamine, Vitamin D, Zink, Magnesium.Osteoporose und andere Knochenkrankheiten: Vitamin D, Kalzium, Magnesium.Altersbedingte Makuladegeneration: Andioxidantien, Zink, Kupfer.Einnahme von Protonenpumpenhemmern (PPI): Vitamin B12, Kalzium, Magnesium.Ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Diät: Multivitamine, Mutimineralstoffe, Vitamin B12, Kalzium, Vitamin D, Magnesium. 
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Rega will trotzdem ins Wallis

War es ein abgekartetes Spiel? Die Rega ortet jedenfalls «grobe Mängel» beim Entscheid, dass sie im Wallis nicht retten darf.

image

So entscheiden Hausärzte einfacher über Antibiotika

Jedes zweite Antibiotika-Rezept wäre unnötig. Die Behörden versuchen deshalb, übereifrige Hausärzte mit Merkblättern zu bremsen.

image

Kinderarzt kritisiert: Zu viel Alarm nur wegen Schnupfen

Immer mehr Eltern überfüllen Notfälle und Praxen – nur weil ihr Kind Schnupfen hat. Ein Kinderarzt fordert mehr Geduld.

image

Deutsche Hausärzte haben zu viel Cannabis verordnet

In Deutschland wollen die Krankenkassen den boomenden Cannabis-Verschreibungen einen Riegel schieben. Hausärzte sollen gebremst werden.

image

Komplementärmediziner blitzen mit Beschwerde gegen «NZZ» ab

Homöopathen müssen sich gefallen lassen, dass sie als mitverantwortlich für die Impfskepsis gelten. Die «NZZ» durfte das schreiben.

image

Was Ärztinnen und Ärzte in der Praxis wirklich frustriert

Der grösste Frustfaktor in der Arztpraxis ist Bürokratie. Aber nicht nur, wie eine grosse Umfrage mit 23'000 Ärztinnen und Ärzten aus dem Nachbarland jetzt zeigt.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.