Viele Patienten erleben Gewalt

Überraschend viele Patienten haben Gewalterfahrungen gemacht, werden aber von der Medizin nicht als Gewaltopfer erkannt. Mediziner sollten dies in einer Behandlung vermehrt beachten, raten die Autoren eines Forschungsprojekts.

, 11. August 2015, 10:00
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Unabhängig davon, aus welchen Gründen ein Patient in die Praxis oder ins Spital geht: Das Thema Gewalt wird nicht selten unterschätzt. Ärzte sollten immer die Möglichkeit im Blick behalten, dass Gewalterfahrungen die Ursache von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein können. 
Wichtig ist, dass die Mediziner die Patienten auf das Thema ansprechen und auf Hilfs- und Unterstützungsangebote hinweisen. Dabei dürfen sie das Augenmerk nicht nur auf Frauen lenken, denn auch eine grosse Zahl von Männern ist bereits Opfer von Gewalt geworden. 
Das zeigt das Projekt «Gender Gewaltkonzept» an der Universitätsklinik RWTH Aachen, die von der deutschen Ärztezeitung aufgegriffen wurde. Hierfür waren 5003 Patienten an den unterschiedlichen Kliniken der RWTH pseudonymisiert nach ihren Gewalterfahrungen befragt worden. 150 Betroffene wurden interviewt und umfangreich psychologisch untersucht. 

«Erschreckende Zahlen»

Ein Ergebnis: 41 Prozent der Patienten - 43,3 Prozent der Frauen und 38,2 Prozent der Männer - gaben an, mindestens eine der verschiedenen Gewaltformen erlebt zu haben: körperliche, psychische, sexuelle oder wirtschaftliche Gewalt.
«Die Zahlen sind erschreckend», sagt Aynur Evler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der RWTH. «Es gibt sehr viele Betroffene, aber sie werden häufig nicht als Gewaltopfer erkannt.»
Um das zu ändern, haben die Wissenschaftler das medizinische Personal der Klinik geschult. Anhand der Befragungsergebnisse konnten sie Ärzten, Pflegern, Physiotherapeuten und anderen Mitarbeitern zeigen, wie groß die Prävalenz der Gewalt in ihren Häusern ist, ohne dass sie es bemerkt hätten, berichtet Evler. 

Nikotin, Alkohol, Drogen

Die Aachener Erhebung hat gezeigt, dass Gewaltopfer deutlich häufiger über Verletzungen, Schmerzsyndrome, Schlafstörungen, Depressionen, sexuelle Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen berichten als andere Patienten.
Patienten mit Gewalterfahrungen haben in größerem Umfang ein problematisches Verhalten mit Blick auf Nikotin, Alkohol oder sonstige Drogen. Sie haben eine höhere Suizidalität und verletzen sich häufiger selbst.
Während Frauen oft von häuslicher und sexualisierter Gewalt durch Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld betroffen sind, werden Männer meist im außerhäuslichen Bereich Opfer psychischer und physischer Gewalt durch fremde Männer.

Ärzte haben Schlüsselrolle

Das «Gender Gewaltkonzept» ist mit fast 1,3 Millionen Euro vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium und der EU gefördert worden. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) bezeichnet die Ergebnisse als wegweisend.
«Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass Ärztinnen und Ärzte Gewalt als Ursache für gesundheitliche Beeinträchtigungen erkennen und ihnen dabei die unterschiedlichen Auswirkungen bei Frauen und Männern bekannt sind.»
Gewaltopfer redeten aus Scham, Angst oder Schuldgefühlen häufig nicht über ihre Erfahrungen, sagt sie. Aber fast jedes Opfer sei irgendwann in ärztlicher Behandlung. «Deshalb kommt Ärzten beim Erkennen von Gewalterfahrungen und den gesundheitlichen Folgen eine Schlüsselrolle zu», wird Steffens in der Ärztezeitung zitiert. 

  • Modellprojekt «Gender Gewaltkonzept» der Uniklinik RWTH Aachen

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