Übermüdete Ärzte verschreiben seltener Schmerzmittel

Am Ende einer langen Nachtschicht scheint das «Einfühlungsvermögen» von Ärzten für die Schmerzen von Patienten nachzulassen. Dies geht aus einer aktuellen Studie hervor.

, 19. August 2022, 07:57
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Ärzte und Ärztinnen verabreichen ihren Patienten während einer Nachtschicht im Vergleich zu einer Tagesschicht seltener ein Analgetikum. Zu diesem Schluss kommt eine im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» publizierte Studie – mit Daten von Tausenden von Notaufnahme-Patienten aus den USA und Israel. Die Ärzte verschrieben zudem weniger Schmerzmittel als die Best Practice eigentlich empfiehlt.
Die Studienautoren gehen davon aus, dass Ärzte nach einer Nachtschicht ein verringertes «Einfühlungsvermögen» zeigen. Mediziner, die von einer 26-Stunden-Schicht kommen, weisen «signifikant» weniger «Empathie» als Ärzte auf, die morgens eine reguläre Schicht starten. Die Wahrscheinlichkeit für eine Verschreibung von Schmerzmitteln war spät in der Nacht und früh am Morgen 20 bis 30 Prozent geringer als am Tag.
Die Ergebnisse sollten gemäss Studienautoren zur Debatte über unverhältnismässig lange Schichten beitragen. Nachtschichtarbeit sei eine wichtige und bisher nicht erkannte Quelle für Verzerrungen in der Schmerzbehandlung. Denn Schlafentzug, Müdigkeit und Stress verringern wahrscheinlich die Wahrnehmung für die Schmerzen der Patienten. Und dies wiederum könnte zu einer Unterverschreibung von Analgetika zur Schmerzlinderung von Patienten führen.

  •  Shoham Choshen-Hillela et al. «Physicians prescribe fewer analgesics during night shifts than day shifts», in: «Proceedings of the National Academy of Sciences», Juni 2022.

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